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Aus dem Mazedonischen von Will Firth
In seinem mehrfach neu aufgelegten Werk Pirej (Die Quecke) erzählt der Schriftsteller von den Strapazen, die die Menschen seiner Heimatregion während der Balkankriege und des Ersten Weltkriegs überstehen mussten. Die tragenden Figuren des Romans sind die Eheleute Velika und Jon, die abwechselnd von ihrem leidvollen Leben berichten.
Ich heiratete während der Sauerkirschernte, als das Heu eingebracht wurde. Tole, der Töpfer aus Vraneštica, war im Dorf und verkaufte kleine Gefäße zum Verschenken. Für die toten Seelen zu Pfingsten. Er gab sie auch gegen Bohnen, Korn, Strümpfe und Wickelgamaschen oder gegerbte Schafsfelle, je nachdem wer was hatte. (...)
Für die Hochzeitsgäste schlachteten wir einen Ziegenbock. Er war groß, mit riesigen Hörnern. Wir hatten also genügend Fleisch. Anderes Essen auch. Die Gäste brachten große Blechschüsseln mit Reis, Bohnen und einem Berg Bratkartoffeln. Mit der Leiter hättest du draufklettern können. Und Fladenbrote mit kleinen Löchern in der Kruste, mit Ei bestrichen, angebräunt wie im Feuer, wie ein trockener Sommer. Die Leute holten alles hervor, was sie für schöne und für schlechte Zeiten zurückgelegt hatten. Jetzt konnten sie sich den Bauch richtig voll schlagen. Sie nahmen den Mund voll mit Fleisch, Reis und Brot und gerieten außer Atem. Um nicht zu ersticken, kauten sie mit offenem Mund. Und das Essen sah man, zerkaut und halb zerkaut; man sah auch wie es zwischen den löchrigen Zähnen hängen blieb. Ein hungriges Volk. Die Armut war eben nicht zu verstecken. Alle hatten es eilig, sich tüchtig satt zu essen. Jemand wollte etwas sagen; dabei fiel ihm das Essen aus dem Mund; er hörte auf zu sprechen. Auch die anderen kauten dann schweigend weiter. Zum Schluss reinigten sie sich die Zähne mit den bloßen Fingern oder den Fingernägeln, oder sie stocherten mit der Gabel am Gaumen herum. Bald blutete das Zahnfleisch. Einige Gäste brachen sich hinter der Tür Zweige vom Reisigbesen ab. Nach kurzer Zeit blieb vom Besen nur noch der Stiel, ein nackter Stock. Der ganze Besenkopf war leergepickt, wie abgefressen. Die Gäste gingen hin und her durchs Haus. (...)
Damals waren die Leute sehr prüde, aber heiraten musstest du. Wie sagte doch Lazor Noceski: “Wenn du keine Kirsche kriegst, such dir eine Pflaume; wenn du keine Erdbeere kriegst, nimm mit einem Apfel Vorlieb oder mit Vogelbeeren; sonst bleiben dir nur Hagebutten und Hagedorn.” Wenn du kein Hagestolz sein willst. Schnell vergeht die Jugend. Wie Wasser fließt sie dahin. (...)
Mein Musikus war Joše, wer denn sonst? Die Muse küsste ihn oft und gerne, und immer hatte er die Sackpfeife zur Hand. Er spielte für mich umsonst. Nur für ein Essen. Und schön spielte der Mann, meisterhaft: er kniff die Augen zu und ging ganz in der Musik auf während seine Finger tanzten und seine Füße stampften. Velika führt die Reihe an, ihr Gesicht leuchtet wie ein Apfel, den man ans Licht holt, und ich kucke nur und schlucke. Sie tanzt voran, setzt gekonnt die Schritte, ihre Brust hebt und senkt sich, die Knöpfchen an der Weste glänzen wie Tauperlen. Ich schaue nach oben, schaue nach unten zu ihren Füßen, zu den Schuhen. Ich weiß nicht, wer ihr die Schuhe mit den Schnallen gekauft hat. Vorne weg tanzt sie, und ich denke, ihr folgt die ganze Welt. Sie blickt auf die Spitzen ihrer Schuhe. Sie misst die nächsten Schritte. Und ich warte darauf, dass es dunkel wird, mit ganzem Herzen warte ich darauf, dass die Gäste wieder nach Hause gehen. Meinerseits hatte ich keine Familie, nur meinen Bruder. Den konntest du zum Schlafen rausschicken, in die Scheune, er war schließlich ein Mann. Die meisten staunten aber, dass ich mich zur Braut legte.
Am schwierigsten war’s in den Wintermonaten. Alle hielten sich im gleichen Raum auf, scharten sich ums gleiche Feuer. Du musstest so lange warten, bis alle eingeschlafen waren, bis sie zur Ruhe kamen und anfingen zu schnarchen. Erst dann war an Zärtlichkeiten zu denken. Aber die Leute schliefen nicht leicht ein. Sie waren nicht müde, und wenn sie einschliefen, war ihr Schlaf ein leichter. Bei jedem Hundegebell wurden sie wach, drehten sich um, hüstelten. Alles hörte man in den Winternächten. Auch das Schnaufen der Kühe und wie sich die anderen Leute im Schlaf drehten und wendeten, und du rochst ihre verschwitzten Achselhöhlen, ihre ausgezogenen Strümpfe und Gamaschen. Alles hörte man, aber wirklich alles. Auch den Zweig, der draußen den Schnee abschüttelte. Und wenn alles zu hören ist, dachtest du, ist auch alles zu sehen. Leute mit großem Hausstand hatten es daher schwer. Manche standen deshalb auf und schlossen das Fensterchen in der Tür des Ofens. Sie standen auf, und wussten, wie sie es tun mussten: leise und bedacht, um nicht beim Drüberspringen auf jemanden zu treten, seinen Schlaf zu stören, seinen Atem zu unterbrechen. Sie gingen so, nahmen sich ganz zusammen, hielten den Atem an, um die kleine Tür des Ofens zu schließen, damit kein Licht ins Zimmer drang. Damit nichts zu sehen war. Denn nur im Dunkeln konntest du dich mit der Frau beschäftigen. So war das... Von Kopf bis Fuß: der Körper der Frau war unbekannt. Ein fremdes Land.
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