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Aus dem Kroatischen von Matthias Jacob
Nachdem ich aufgelegt habe
ich sehe dich: du öffnest die doppeltür
zur terrasse und setzt
dich auf den stuhl mit blick auf die kiefern
die kinder bauen eine burg aus klötzchen
auf dem viertel einer decke
kling, du hebst die kaffeetasse
bald ist nacht; sterne sind draußen
der junge springt auf deinen schoß und sagt
„ich würd’ gern sehen was dort oben ist“
beide wartet ihr bis sich sein herz beruhigt
wind weht und du denkst: ein pullover,
tick-tack, fliegen schlagen gegen die lampe.
(„die horen“, Bd. 229, 2008, S. 171)
Ein Mann fiel wegen der roten Pest auf die Straße
Ivana! ich bau dir ein haus aus pigmentiertem brasilianischen holz
(das verliert nicht den kampf mit der zeit)
ein haus ohne spitze winkel in einem alten hafen aus der zeit des
goldfiebers (auf suche nach gold ist alles erlaubt)
ein kleiner kolonialhafen mit drei kirchen:
die kirche der schwarzen sklaven, der freien mulatten und als drittes
die kirche der weißen grundbesitzer –
der hafen heißt Parati!
durch den eingang kommt keine vergangenheit herein
die mauern mit büchern verschalt: nur mit wertvollen, tausenden
– bücher von Melville, Conrad, Stevenson und anderen
eingefleischten abenteurern
ich bau dir ein haus aus holz, kein salz kann es zerfressen, keine
sonne härtet es aus
ein haus mit länglichen fenstern nach osten
sie öffnen sich gegen die berge und wälder, den durch die berg-
werke fahrenden dampfzug
im westen siehst du mit dem fernglas die französische festung
errichtet zum schutz vor piraten und den durchlass zwischen den inseln
wir essen große fische, man fing sie im meer – rasch nacheinander
dein leben wird leicht sein!
so leicht – deine augen sind dann reine smaradge anstelle
der walderdbeeren wachsen sie unter dem humus von Mato Grosso
die fenster sind immer offen, die vorhänge wandern durch die gänge
weiß wie die kleider alter bahianerinnen die flüstern: candomblé.
in die zimmerdecke kommt ein durchbruch aus glas und die kinder
werden tiefe träume
träumen unter diesem südkreuz.
(„die horen“, Bd. 229, 2008, S. 145)
H. P.
In memoriam Hugo Pratt
*
Bahia. Die Goldmundige wartet am blauen Fenster.
Morgens entzündet sie eine Kerze abseits des Winds
In der Lücke der Sandmauer zwischen
Scharfen Kanten, Algen, Fortschwemmungen.
Sie steckt einen Blumenstrauß ins Wasser
(Ein Trick aus Salvador)
Und schaut ob das Meer ihn zurückbringt.
Aber nichts kam zurück.
(Die Hängematte in der Halle blieb leer, es ist seine.)
Er kam nicht. Dafür Kinder auf dem Kamm einer Welle,
Geschenke des Schaums, kleine
Schwarze Punkte im langen Nachmittag. In ihren kindlichen Augen
Werden die Rippen geborstener Fischerkähne
Zu den Rippen gestrandeter Wale. Der Atlantik blitzt
in den Eukalyptusbäumen.
*
Regen. Blecherne Wolken irren über die Erde. Gras taucht in den Ozean.
Wasser steigt über die Räder der Autos. Auf halbem Wege bleibe
ich stehn.
Einige irdene Hütten im Graben. Vor der Kantine ein Billardtisch mit
Stuhl statt eines Beins. Ein Esel, an den Pfosten gebunden und
Vergessen. SEVEN-UP. Die Baumwipfel fangen Licht.
Ich schließe die Fenster. Die Maschine dampft. Äste und Stängel
trägt Regen fort.
Das Wasser braust. Der Horizont schwindet. Lava dringt aus
verborgenen Brunnen.
Das Radio geht aus. Brasilien schweigt.
Brasilien ist ein hellgelber Spalt im trüben Himmel
ein Korridor für Vögel.
Brasilien – das sind seine Menschen aus schwarzer Tinte.
Bald wird die Straße ein Fluss, er verschmilzt mit dem Meer,
Wasser ergießt sich in Wasser, die Unterschiede verschwinden.
***
Dein Matrose ist tot, du Goldmundige.
Ich sah ihn heut Nacht um zwei Uhr morgens. Ich stand
Auf Deck eines Schiffs mit Kurs auf Argentinien und trank aus
der Flasche.
Seine Augen auf dem Schwarzweißfoto wirkten undurchdringlich,
Trotz machte sie fluoreszierend.
Er hob den Kragen am Mantel, wollte gefährlich wirken
Aber man sah: er ist edel und gut.
In der Hand hielt er ein kleines rotes Quadrat mit Kreuzstich
Bestickt, darauf stand XANGÔ oder so ähnlich.
„Gringos macumba“, sagte er und verschwand.
(die horen“, Bd. 229, 2008, S. 146)
Der sechsundzwanzigste Tag
Für Mara, am siebenundzwanzigsten Tag seit deiner Geburt
Licht und Schatten: trennen sich….
und vor 27 Tagen waren sie noch eins!
Deine schwarzen Mandelaugen suchen jetzt Konturen.
In diese Welt geboren – mit nichts
ausgestattet – du bist so klein, du weißt
nicht einmal deinen Namen – willst uns erobern mit diesem
Lächeln eines neu erschaffenen Himmels.
Was für ein Lächeln! Alle Bienen der Alpen
und all die Waldbrände der Mongolei
und all die 350 Kirchtürme Salvadors und
all das Plankton des Atlantiks finden Asyl
im Himmel deines Lächelns, geformt an einem geheimen
Ort, den nur wenige kennen,
frei schwebende Heilige.
Du schaust dich um, bestaunst alles, doch
ich muss dir sagen: in deinen zehntausend Jahre
alten Augen kann ich noch immer
den Widerschein sehen jenes stillen Sees,
dessen Tiefe unermesslich ist.
Für mich ist er eine Erinnerung an Unbekanntes
Wissenschaftler nennen ihn das schwarze Loch im Raum
manche nennen ihn einfach einen Sack Kohlen
und religiöse Menschen sagen zu ihm – Geist.
Auf diesem stillen See sind deine schwarzen Augen
noch vor kurzem als Indianerkanus gefahren
sorglos zogen sie zu zweit durch das endlose All.
(aus: Gedichte von Licht und Schatten, 2004, dt.: Neues aus Südost. Übersetzer als Scouts. Hrsg. von SO_Übersetzen e. V., März 2009, S. 12)
Suchst du mich?
Sie war schön wie ein Stein im Aufgang der Sonne,
ihre Stimme trug die Sprenglaute der Maschinengewehre
über khakifarbene Wüsten, wo Kaktusblüten
detonieren wie Granaten, – ein indianisches Wesen mit durch-
schnittener Kehle, ihr Haar hatte den blauen Schimmer der Krähe.
Sie war ein schwarzer Schirm, umgestülpt
vom Wind der Revolution, La Madre Dolorosa,
ein Bergwerk des Schweigens, eine schwarze Rose der Trauer.
aus: Derek Walcott Das Königreich des Sternapfels
Ich suchte dich in allen Sphären. Selbst in der höchsten, inmitten der Wolken. Im Nebel, der reinigt, der nie zur Ruhe kommt, der überrascht. Ich bin dir gefolgt, auch wenn du keine Spur hinterlässt, durch Öde, Leere, durch Räume, wo Menschen ohne Atem bleiben und im Endlosen verschwinden. Durch Räume, die nichts sind und alles, nur du durchschreitest sie, so sicher, so leicht, dass es weh tut.
Nicht auszuhalten – wie leicht du tief in mich eindringst, wie ruhig du hierbei doch bist.
Ich irrte durch Straßen, wo wüstes Geschrei der Händler noch nachklingt, stolperte über Körper von Bettlern, schlafenden Stromern und räudigen Hunden, gepeitscht vom warmen Südwind, der mich umhüllte mit hundertjährigen Schmutz, mit Resten von Pappe und Zeitungspapier, mit den Echos der Absätze von betrunkenen Huren aus versifften Haustoren. Ich suchte dich in der Luft, die schwer ist von Salz, im Duft des Steins, zu Sand verwandelt durch den kraftvollen Ozean, im Duft versunkener Orchideen, die man den Wellen opfert im Frühlicht, im Duft schwarzer Frauen und brennender Kerzen, in den groben Stoffen, die Eingeborene webten, in Hühnerknochen und Fetischen, im Lied verfemter Matrosen, in den Stimmen des Atlantiks.
Ich suchte dich auch an der Quelle des Lebens, am großen rauchenden Fluss, der eintaucht in den regenschweren Schlaf des Urwalds, in den trägen Bewegungen der Krokodile, im Flug tausender Vögel, in der Geduld eines Jaguars;
unter wild lebenden Tieren.
Ich will dich spüren, denn sehen kann ich dich nicht.
Ich lebe schon so lange im Dunkeln, dass ich meine, ich lebte schon immer im Dunkeln. Ich weiß nicht mehr, wann ich die Sehkraft verlor, lang ist es her, es geschah in einer anderen Zeit. Vielleicht litt ich an einer Krankheit und erwachte eines Morgens als Blinder. Vielleicht hat man gesehen, wie ich mit dem Fernrohr die Sterne betrachte und meine Augen wurden versengt vom Brenneisen der Inquisition, oder ein spanisches Bajonett verwundete mich in einem der Kriege und lockere Frühlingserde füllte meinen Mund und mein Blick verfing sich im feuchten Gras und das letzte Bild, das ich erinnere sind die Schneefelder der Anden. Vielleicht stürzte ich auch in einem der selten klaren Momente senkrecht herab von der Höhe eines Bergs, 240 Meter schnell und das Licht meines Falls leuchtete durch den unabsehbaren Schlund.
Zu Anfang empfand ich die Finsternis als undurchlässige Grenze und in die Knochen fuhr mir die Angst. Lange saß ich in der Stille, in einem Raum, kleiner als ein Atom, größer als Gott, und lauschte meinem eigenen Atem, – das einzige Zeichen für Leben. Vergangenes ist mir entrissen, gehört der Phantasie. Ich bin ein blinder Mann, bin blind, unbekannte Hände helfen mir über die Straße, das Klopfen meines Stocks findet ein Echo in den Menschen, mein düstres Wesen schreckt sie. Manche Passanten trösten mich, halten sich für barmherzig, ihr Mitleid widert mich an, dieses Mitleid von Siegern.
Aber du würdest mich nicht, würdest mich niemals bedauern, ich bin sicher, du hast mich gar nicht bemerkt, dein Blick fand keinen Halt in meinem Gesicht, ich habe dich gründlich gespürt – durch mich selbst – empfunden, dass du erkennst, was ich auf ewig verloren glaubte, verschwunden mit meinen Augen: unbesiegbare Freude zu leben.
Und daher such ich dich, seit ich von dir erfahren habe, damals am Nachmittag, als wir wie völlig Fremde auf der Avenue an einander vorübergingen, im Getriebe vor dem Fest, als du gegen meine Finsternis geprallt bist, ganz zufällig, für einen so kurzen Moment, dass keine Zeit ihn festhielt.
Ich suche dich, aber glaube, finden werd ich dich nie, du verharrst in der ewigen Bleibe deines Instinkts. Du bist den Fesseln jeglicher Erblast entronnen. Du wanderst wie Licht, viel zu schnell, - die Folgen deines Seins erreichen dich nicht, du bist der Jaguar, der nie in einem Käfig war.
(Aus: Gedichte von Licht und Schatten, 2004)
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