|
Aus dem Kroatischen von Monika Milosavljević
Petra ist Malerin. Sie malt Männerakte und verliert ihr Herz an ihre Modelle. Das allerdings treibt ihren Mann Goran zur Weißglut. So versucht sie, nur aus der Erinnerung zu malen. Als Goran dahinterkommt, dass sie, um dieses Dilemma zu lösen, den gemeinsamen Sohn Vid als Modell benutzt, wird sie vor die Wahl gestellt: ihre Kunst oder die Familie. Petra opfert ihre Familie und widmet sich ganz ihrer Kunst, ohne Rücksicht auf die Wunden, die sie mit dieser Entscheidung schlägt.
Zwanzig Jahre später: Vid ist nun ein erwachsener Mann, Regisseur, und dreht einen schonungslosen Film über seine Familie und die Ereignisse seiner Kindheit. Das Leben und die Kunst seiner Mutter stilisiert er als bloße Dekadenz, als farceartige Bohème. Der Film und die Recherche dafür werden zum Ventil für seine Rachegelüste. Dabei kommt er seiner Homosexualität auf die Spur und der Tatsache, dass das Objekt seiner Begierde niemand Geringeres als der Mann seiner Schwester ist. Stück für Stück verliert er sich in seinem hilflosen Versuch, sein Leben durch die Filmkunst zu retten.
Ein faszinierendes Vexierspiel über Kunst und Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstzerstörung. Tragikomisch zeichnet Elvis Bosnjak das Geschehen dieser hoffnungslos verstrickten Familie.
(Quelle: www.kaiserverlag.at)
PETRA: Ist das das Ende?
VID: Nein, natürlich nicht. Ich habe mich noch nicht entschieden, kann es noch nicht, ich habe zwei Versionen.
PETRA: Ich dachte, der Tod sei mir gewiss.
VID: Der letzte Zug muss gut durchdacht sein, der letzte Pinselstrich ist der wichtigste.
PETRA: Ja.
Pause. Petra und Vid stehen einander gegenüber und sehen sich direkt in die Augen.
PETRA: Wer hätte gedacht, dass wir uns eines Tages so gegenüberstehen, du und ich. Wir stehen hier wie zwei Fremde, wie Menschen, die keine Berührungspunkte haben und dabei könnten unsere Leben kaum stärker miteinander verflochten sein. Vieles von dem, was dir zugestoßen ist, hatte mit mir zu tun, oder?
VID: Stimmt. Wobei man nicht behaupten kann, dass viel von dem, was dir zugestoßen ist, von mir oder irgendjemand anderen auf dieser Welt abhing.
PETRA: Ja. Stimmt. So war es. Das muss ich wohl zugeben.
VID: Warum bist du gekommen?
PETRA: Ich habe dein Drehbuch gelesen und den Hass gespürt, den du in dir trägst.
VID: Und jetzt bist du gekommen, um zu sehen, ob sich daraus noch was formen lässt.
PETRA: Nein, es ist nicht an mir, dich zu formen, das musst du schon selbst tun. Ich bin hier, um dir zu sagen, dass dein Drehbuch genau aus diesem Grund nicht gut ist. Dein persönlicher Hass frisst deinen Film auf. Alles darin entspringt diesem Hass. Du hast mir nicht die leiseste Chance gegeben, ich meine nicht im Leben, sondern im Film. Von Anfang an hast du mich verurteilt. Was sagt dieser Film aus? Er sagt: Seht her, es war einmal eine Frau, der nichts heilig war, sie hat niemanden geliebt, sie war pervers, selbstsüchtig, widerlich, verachtenswert. Ich hasse diese Frau, und ihr sollt sie ebenfalls hassen. Mehr nicht. Es gibt keinen Lichtstreif in deiner Geschichte, deine Dunkelheit hat keine Nuancen. Aus deinem Hass heraus hast du diesen Film gemacht, aber aus Hass lässt sich nichts erschaffen. Der Mensch erschafft aus Liebe, selbst wenn er etwas Widerwärtiges tut, tut er es aus Liebe zu etwas Gutem.
VID: Hast du denn je mir eine Chance gegeben, hast du denn überhaupt irgendjemandem jemals eine Chance gegeben.
PETRA: Im Leben nicht. Ich weiß, dass ich nicht gut gelebt habe. Aber auf meinen Bildern seid ihr schön, wunderschön. Man verliebt sich in euch, wenn man sich diese Bilder ansieht. Die Bilder, die ich in deinem Film gesehen habe, hätte ich niemals gemalt, das sind nicht meine Bilder, diese hässlichen, schrecklichen Bilder, es sind deine, Vid, sie sind deiner Seele entsprungen. Diese Bilder, das bin nicht ich, das bist du.
VID: Erzähl du mir nicht, was ich bin. Du weißt nicht, wer ich bin, du hattest nie Zeit, zu sehen, was ich bin.
PETRA: Vielleicht. Wahrscheinlich hast du Recht. Vielleicht habe ich mir nicht die Zeit genommen, zu sehen, wer du bist, oder was du dir wünschst, aber ich sehe, was aus dir geworden ist. Denn dein Film erzählt von dir, nicht von mir. Er zeichnet das Bild eines verzweifelten Menschen voller Wut und sinnlosem Hass. Um dein persönliches Unglück tut es mir nicht leid, das macht mich nicht traurig, wir sind alle auf die eine oder andere Weise verflucht, aber als Künstler besitzt du nicht die Kraft, dich aus deinem eigenen Dreck zu erheben, und das ist es, was mich traurig macht. Vor den Augen anderer suhlst du dich in deinen eigenen Exrementen, und das einzige, was sie tun können, ist, auf dich zu spucken. Nur dazu ist dein Film gut. Wer Verachtung säht, wird auch Verachtung ernten. Das ist der Lauf der Dinge.
VID: Gut, du hast gesagt, was du zu sagen hattest und jetzt verschwinde, geh und nimm deine Scheiß Predigt mit, nimm sie mit in das Licht oder die Dunkelheit deines Grabes, oder wohin auch immer. Aber in dem, was du uns, die wir dich kannten, hinterlassen wirst, ist kein Licht, keine Nuancen, und genau das ist es, wovon ich spreche.
PETRA: Gut.
Wendet sich zum Gehen.
PETRA: Wie dem auch sei, das Ende bleibt noch abzuwarten, denn das Ende kann noch vieles gerade rücken, am Ende kann all das Schlechte doch noch zu etwas Gutem führen. Denk darüber nach - der letzte Pinselstrich.
Copyright: Kaiser Verlag, Wien
|