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Aus dem Slovenischen von Ann Catrin Apstein-Müller
Ich habe Foltern gesehen, die leuchteten wie Sterne. Ich weiß, dass dabei fast jeder etwas empfindet, aber außer mir selbst gibt es niemanden, der das wirklich sieht. Wenn ein Mensch einen anderen beherrscht bis zu dem Punkt, an dem er zusammenzubrechen beginnt (psychisch oder physisch), werden beide frei. Und Energie. Unermessliche Energie.
Meine Foltern waren immer Akte der Liebe. Es war mir vergönnt, in der Erniedrigung, am Rande des Zusammenbruchs, wenigstens ebenso viel Genuss zu empfinden wie der andere dort oben in seiner Lust, seiner Herrscherrolle und seinem Glanz. Vernichten ist Geben und Nehmen zugleich. Am entgegengesetzten äußersten Punkt verharren zu können ist Geben und Nehmen im Quadrat. Nein, das ist keine Religion. Streichen Sie diesen Mist. Das bin ich.
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Aufgewachsen bin ich in einer anständigen, normal glücklichen Familie in Triest. Mein Vater hatte eine Boutique für Herrenbekleidung. Meine Eltern und mein Bruder leben noch immer dort. Die Boutique für Herrenbekleidung führt heute mein Bruder. Er ist fünf Jahre älter als ich, ein ernster, zurückhaltender, treuer und ergebener Mensch.
Mit seiner physischen Schönheit und mentalen Beschränktheit war er immer das völlige Gegenteil von mir, daher ist es wahrscheinlich auch kein Wunder, dass er für mich von Anfang an mehr war als nur ein Bruder und dass das Foltern und Erniedrigen meines Bruders für mich die Zerstörung all dessen bedeutete, was mir schon von Geburt an unerreichbar war.
Seit ich denken kann, habe ich ein besonderes Verhältnis zum Schmerz. Von klein auf kniff ich mir in das weiche Fleisch an der Innenseite des Oberschenkels, weil mich das irgendwie beruhigte. Ich kniff und knetete mich manchmal so lange, bis alles blau anlief. Eines Sommernachmittags reparierte mein Bruder sein Fahrrad in der Garage neben der Boutique, ich saß auf dem Boden und sah den Vögeln auf der Straße zu. Mein Bruder ging irgendwohin und ich nahm die Zange in die Hand. Ich zwickte zu, bis sich die Haut und die oberste Schicht Fleisch vom Oberschenkel zu lösen begannen. Damals verletzte ich mich zum ersten Mal bis aufs Blut. Als ich verschwitzt und erregt aufhörte, erfüllt von einer unbekannten Energie, war die misshandelte Stelle schon völlig blau und stumpf. Unempfindlich gegen den Schmerz.
Dann entführte ich meinem Vater aus dem Hinterzimmer des Ladens einige Heft- und Nähnadeln und eine Schneiderschere, aus der Werkstatt meines Bruders Zange und Hammer. Ich nahm eine Heftnadel und drückte sie langsam durch das bläuliche Fleisch. Es überraschte mich, mit welcher Leichtigkeit das Ganze durch das Fleisch glitt und wie frisch, erregend, anders die Schmerzempfindung war. Einfach anders als beispielsweise bei einem Sturz mit dem Fahrrad. Hierin lag ein gewisses Gefühl der Befriedigung, als malträtierte ich etwas, das nicht besonders viel mit mir zu tun hatte. Im rechten Winkel zur Heftnadel durchstach ich mich mit einer Nähnadel. Dann ging ich ins Bad, holte Jod, Gaze und Verbände, ging ins Zimmer zurück, schloss mich ein, nahm Vaters Schere und schnitt unter dem Kreuz aus Heft- und Nähnadel das verstümmelte Stückchen Oberschenkel heraus. Schmerz durchschoss mich, er war schrecklich, aber er hinterließ Erfüllung, Erregung und Wärme. Ich reinigte und verband die Wunde, verstaute das Werkzeug in der untersten Schublade meines Schrankes, das abgeschnittene Stückchen Oberschenkel steckte ich in den Mund und kaute es. Es tat natürlich weh, doch die Wärme und die Erregung waren stärker. Etwas Vergleichbares hatte ich bis dahin nicht gekannt. Nichts hatte mich in diesem Maße mitgerissen. Vermutlich habe ich damals meinen ersten Orgasmus erlebt. Der ganze Vorgang hat etwa eineinhalb Stunden gedauert. Als ich wieder zu mir kam, war das Stückchen Oberschenkel nicht mehr in meinem Mund.
Alles das habe ich natürlich unbewusst getan. Über nichts habe ich nachgedacht. Vollkommen bewusst war mir nur die Hitze meines begeisterten Körpers, den ich an der kalten Wand abkühlte. Es ist schwer, Ihnen zu beschreiben, wie ich mich damals gefühlt habe. Der Körper, der mich bis dahin immer nur behindert hatte, hatte sich mir irgendwie nach innen hin geöffnet. Ich war zutiefst ergriffen. Ich war schockiert.
Jetzt freue ich mich über meine damalige Naivität. Ich dachte, ich hätte etwas entdeckt, was auch andere gern haben würden, wenn sie sich nur trauten. Etwas Dunkles und Verbotenes, wie Sex. Natürlich verstand ich nicht, warum das verboten war. Eigentlich weiß ich immer noch nicht, wer das Opfer ist, wenn ein Verbrechen an mir verübt wird, die ich freiwillig meinen Körper der Folter ausliefere.
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Mateja, die Frau meines Bruders, habe ich ins Haus gebracht. Sie fiel mir auf der Geburtstagsfeier eines Jungen aus der Nachbarschaft auf. Bei solchen Veranstaltungen drückte ich mich immer in eine Ecke und sehnte mich nach einer verwandten Seele. Mateja war damals neu in der Straße, deshalb hielt sie sich abseits. Ein hübsches Mädchen mit blonden, von einer blauen Schleife zusammengehaltenen Haaren, trotzdem war ihre Schönheit nicht klassisch, barbiehaft. Ein schmaler Mund und eine zu klein geratene Nase verliehen ihr immer einen eigenartigen und nachdenklichen Ausdruck. In diese ihre Nachdenklichkeit habe ich mich damals ein bisschen verguckt (und in dieselbe hat sich später, nehme ich an, mein Bruder verliebt). Ich ging zu ihr, sie bedachte mich mit einem einzigen verwunderten Blick, und schon lief die Sache. Den ganzen Abend unterhielten wir uns und wurden Freundinnen. Vor einer Woche habe ich nach langen Jahren wieder ihre Stimme durch das Telefon gehört. Mein Bruder hat mich angerufen, weil er meinen entstellten Körper im Fernsehen gesehen hat. Er hat mich gefragt, ob ich etwas brauche, ob ich okay bin. Sag, wenn du Geld brauchst, hat er gesagt, sag, wenn du irgendwas brauchst. Dann ist aus dem Hintergrund Matejas Stimme zu hören gewesen. Sie hat geschrien, dass Matic und ich beide krank seien, dass man mich einsperren oder ins Irrenhaus einliefern müsse, weil ich nicht ganz bei Trost sei. Ich weiß, dass sie in dem Moment endlich ausgesprochen hat, was sie seit ihrem zwölften Lebensjahr in Gedanken mit sich herumträgt, seit damals, als wir Freundinnen waren.
Die meiste Zeit gammelten wir in meinem Zimmer herum. Ich weiß nicht, was genau wir gemacht haben. Im Kopf habe ich ein Bild, wie sie einen Bären ohne Arme in den Händen hin- und herdreht, eine Puppe ohne Kopf oder Arme, und ich mit einer Zange ein Stück Holz bearbeite, den Bettrand oder etwas Ähnliches. Einmal habe ich ihr den Bären aus der Hand genommen, ihm ein Seil um den Hals gebunden und ihn aufgehängt, sodass er von der Lampe baumelte wie erhängt. Sie fand es lustig. Ein paar Tage danach habe ich der Plastikpuppe ein Bein ausgerissen und ihr den Bauch mit einer Schere durchbohrt. Mateja hat nichts gesagt. Dann bin ich einen Schritt zu weit gegangen. Ich habe den Käfig mit dem Papagei aus dem Wohnzimmer geholt und in mein Zimmer gebracht. Zuerst haben wir ihn nur angesehen und mit ihm geredet, dann haben wir ihn aus dem Käfig gelassen und ihn lange durchs Zimmer gejagt. Als ich ihn schließlich gefangen hatte, habe ich ihm eine Schnur ans Bein gebunden und an das andere Ende eine Zange. Sie war gerade so schwer, dass er sich einige Zentimeter in die Luft hob und dann wieder herunterfiel, und sich wieder hob und wieder fiel. Wir lachten beide. Heute weiß ich, dass tief in ihr vergraben auch etwas davon ist, von demselben, und dass sie mich deshalb auch so hasst. Ich weiß auch, dass sie das an meinem Bruder auslebt, sicher verborgen hinter den Hausmauern und durch starke Tabletten gedämpft, in dem Maß, das man für gewöhnlich als normale Ehe mit dominanter Frau bezeichnet. Heute weiß ich auch, dass ich sie, mit meinem jetzigen Einblick, an den Punkt bringen könnte, an dem sich ihr der Verstand vernebeln und sie am Abgrund schwanken würde, ohne zu wissen, woher ihre Lust kommt und wohin sie fallen wird. Damals jedoch war ich zu jung und unbesonnen. Die Sache ist mir aus den Händen geglitten. Ich habe den Papagei gefangen und ihm eine Nadel in den offenen Schnabel gestochen. Das Ende kam am Hinterkopf wieder heraus. Ich erinnere mich an diese Stille. Die Stille des Papageis, der mich verwundert ansieht, die Wärme, die mir den Kopf vernebelt, Mateja, die mit offenem Mund zusieht und nicht weiß, ob sie ihren Augen trauen soll. Nach ein paar Sekunden lief sie aus dem Zimmer und schrie, ich öffnete das Fenster und warf den Papagei auf das Dach des Nachbarhauses. Nach einer Weile ging die Tür auf und Mama kam herein.
„Matejas Vater hat mich angerufen“, sagte sie. „Mateja ist völlig außer sich. Sie sagt, dass du Piki eine Nadel in den Kopf gestochen hast.“
„Sie lügt“, sagte ich. „Er ist durchs Fenster abgehauen. Sie ist schuld. Sie hat das Fenster aufgemacht.“
In der Nacht habe ich geweint, ergriffen von dem Gefühl eines großen Verlustes. Ich denke, ich wusste irgendwie, von da an wäre ich allein. Obwohl ich dreizehn war, sagte ich mich von normaler Erotik und der restlichen Welt los. Von Sympathien, Verliebtheit, Intimitäten auf Partys, mit welchen ich so oder so keine Probleme hatte, weil mich nie jemand einlud. So etwas erwartete ich nicht einmal mehr. Eigentlich habe ich schon damals meine unglaubliche physische Hässlichkeit als Besonderheit akzeptiert, die mir das Leben zugedacht und mich damit auf eine eigene Bahn gelenkt hat.
Mateja hat sich einige Monate danach mit meinem Bruder angefreundet und ihn ein paar Jahre später auch geheiratet.
Lange Zeit ereignete sich nichts Besonderes. Ich brauchte Zeit. Manchmal kroch ich abends durch das Fenster auf den Balkon und von dort zu Boden. Ich spazierte über die Piers, verbarg mich in den Schatten, beobachtete die betrunkenen Penner, die Frau, die um die Ecke mit dem Kopf im Müll lag. Ich glaube, meine Eltern haben das schnell herausgefunden, aber sie haben irgendwie darüber hinweggesehen. Wie auch über so manches andere. Immer ,wenn ich zurückkam, ging einer von ihnen aufs Klo und blieb kurz vor meiner Tür stehen, das war aber auch alles.
Im Sommer wurde in einer Nachbarstraße ein Haus frei. Das Erdgeschoss und der erste Stock wurden gleich von Pennern besetzt, ich aber entdeckte an der Rückseite eine enge Luke, die in den Keller führte. Ich kroch hindurch, und dort unten zwischen Gerümpel, Kartons und Schränken fand ich eine schwarze Katze. Obwohl mir Tiere des öfteren das Herz gebrochen hatten, Menschen jedoch nie, begann ich an ihnen regelmäßig Folterungen zu praktizieren. Den Keller räumte ich auf, fegte ihn, nagelte Bretter an die Fenster, stellte einen Tisch auf und legte auf einem Nachttisch das Werkzeug bereit. Die gefangenen Katzen streichelte ich erst einmal lange, kämmte und liebkoste sie. Ohne ihr Vertrauen gab es keine Erregung. Ich wusste nicht, was ich suchte, heute weiß ich natürlich, dass es ein bedeutendes Ausmaß an Gefühl und dessen Erweiterung war, die sich wie eine abschließende Explosion bei den Tieren abspielt, als ein Aufblitzen von Ichbewusstsein, Bewusstsein ihrer Lage, des Lebens, das ihnen entgleitet, des Todes. Wichtig war die Tiefe des Schocks, wenn sich der Nagel plötzlich durch die Tatze bohrte, die Steigerung der Verwirrung und die Leere in den Augen, die dann eintrat, und alles Übrige – Angst, Hoffnung, Schmeichelei, Bitten, und der zweite Nagel, Wut und Panik, und der dritte und der vierte Nagel, der Schnitt des Messers, der Druck der Zange, eine ausgerissene Kralle, ein ausgestochenes Auge, der Verlust des Bewusstseins und schließlich das Grauen beim Wiedererwachen in derselben Situation, damit ich sie am Schluss von ihren Nägeln befreie, ihnen die Wunden säubere und sie in die Freiheit entlasse. Heute weiß ich natürlich, dass der Grund für die Erregung nicht meine Machtposition war, sondern meine Identifizierung mit der Katze. Wichtiger als der zugefügte Schmerz war der Blick durch eine Katze, die sich unvermutet an ein Brett genagelt mit einem Klumpen Plastilin im Maul wiederfindet, auf mich, die foltert.
Ich habe über mein Handeln nachgedacht und weitergemacht. Getötet habe ich selten. Beim Tod ergriff mich anstelle der Erfüllung Teilnahmslosigkeit. Anstelle der Erregung Niedergeschlagenheit. Einmal habe ich einer Katze den Bauch aufgeschnitten, ihre Eingeweide in Wasser gewaschen, wieder in sie hineingelegt und die Katze zugenäht. Ich könnte nicht sagen, warum, außer dass es um Forschung ging, und natürlich, dass einen jeder unmögliche Gedanke, den man loszuwerden hofft, auf einen bestimmten Weg bringt. Der Tod war schön, und er ist es noch immer, aber als etwas, zu dem ich hinreise, dem ich mich nähere, in den Foltern spiele ich sogar mit ihm, es ist wohl nie wirklich klar, ob der andere im Genuss seiner Macht an der dünnen Grenze zum psychischen oder physischen Kollaps seines Opfers Halt machen kann. Der Tod ist schön als etwas Entferntes, Allgegenwärtiges und Zufälliges, sagen wir, die Schönheit von zerquetschten Leichen im Auto, die Ihnen zufällig auf dem Weg zur Arbeit begegnen.
Getötet habe ich also selten. Die Katzen habe ich gequält, ihnen die Wunden verbunden und sie dann entstellt, hinkend, mit nur einem Auge oder völlig blind, ohne Krallen, mit gebrochenen Tatzen, ohne Ohren und ohne Schwänze zurück auf die Straße gesetzt. Das waren meine Gespenster, die durch die Straßen von Triest strichen. Wenn sie sich über den Platz schleppten, blieben die Leute entsetzt stehen, andere bückten sich sogar und versuchten sie zu streicheln, aber die Tiere flohen in Panik, sofern sie es überhaupt konnten. Triest war bald voll von behinderten Katzen, Hunden, Tauben und Krähen. Es begannen unterschiedliche Gerüchte zu kursieren, ich aber hielt mich verborgen in meinen krüppeligen Schatten und verschlang das Mitgefühl aller Normalen.
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Mit sechzehn wusste ich, dass ich eine lebende Person um mich brauche. So weit war ich mit dem Lesen und Erforschen meiner Welt gediehen. Es war mir egal, welchen Geschlechts die Person war (also bin ich wahrscheinlich bisexuell). Ich brauchte nur eine klare Struktur von Gefühlen, Bewusstsein, Ichbewusstsein, ein Geflecht von Gedanken, Wünschen und Bedürfnissen. Und alles das ist nur bei einem menschlichen Wesen genau ausdifferenziert.
Klar war mir auch der grundlegende Mechanismus. Mein besonderes Verhältnis zu physischem Schmerz kristallisierte sich zu einem physischen Masochismus, die Kompensation dafür war ein starkes Verlangen nach psychologischem Sadismus. Zur vollkommenen Realisierung dieser zwei Pole der Lust aber brauchte ich, wie gesagt, eine Person. Eine menschliche Person.
Mit achtzehn zog ich des Studiums wegen nach Ljubljana. Es ging mir ausgezeichnet von der Hand. Die erste und einzige Prüfung, bei der ich durchfiel, war im zweiten Jahr bei der Professorin für Sozialanthropologie. Ich war komplett mit den Nerven runter, weil ich es doch konnte, weil ich mit Freude und Leichtigkeit studiert hatte. Als ich zum zweiten Mal antrat, war ich die Letzte auf der Liste. Wütend trat ich ein, aber sie schrieb mir im Stehen eine eins ins Studienbuch, ohne eine einzige Frage, und sagte, sie lade mich zum Kaffee ein. So lernte ich die bedeutendste Frau in meinem Leben kennen, eine Nekrophile mit brillanter Universitätskarriere. Sie redete nicht lange drum herum. Meine Intelligenz und physische Entstellung waren eine wahre Einladung für Individuen, die die erotische Dimension ihres Wesens, ihre Liebe, anders erleben. Ich war begeistert und diente ihr mit Freuden. Ich zog mich aus, steckte mir eine Nadel zwischen die Zähne und blieb schlaff auf dem Boden liegen wie eine Leiche. Gewöhnlich zog sie mich zuerst in die Badewanne, voll mit kaltem Wasser, und malte mir eine Totenmaske aufs Gesicht, ein anderes Mal blaue Flecken, ein drittes Mal Schnittwunden. Dann zog sie mich auf den Boden und vollzog Cunnilingus an meinen toten Lippen, zwischen welche sie mir zuvor einen Eiswürfel gedrückt hatte. Ich begann, mir mit der Nadel Zunge und Gaumen zu durchstechen. Kurz vor dem Orgasmus drückte sie mir auf die Brust, und dann ließ ich Blut aus meinem Mund laufen, wie es Leichen herausläuft, wenn man ihnen auf die Brust drückt.
Die zweite war eine Narkomanin, angestellt in einer Apotheke. Eine Lesbe, eine physisch ziemlich unattraktive Frau (in keiner Weise mit mir zu vergleichen). Manchmal waren wir zusammen, und immer lieferte sie mir hohe Dosen morphinhaltiger Analgetika gegen die Schmerzen, die post festum auftreten und dann nicht mehr erwünscht sind.
Dann kam Matic, die einzig wahre Liebe meines Lebens. Jetzt, da er tot ist und mein vernarbter und verstümmelter Körper in Zeitungen, Fernsehen und auch sonst überall, fragen mich die Leute, wie ich da von Liebe reden könne. Sagen wir es mal so: wir sind uns im Zoo begegnet, beim Affengehege. Ich warf ihnen ein Klümpchen aus zusammengedrückten Brotkrumen zu, in dem eine Nadel versteckt war. Er sah, was ich tat, und begann zu grinsen. Ich fragte ihn, was so witzig sei, aber er brachte kein Wort heraus, nickte nur und sah mich an. Nach ein paar Minuten war ich schon überzeugt, dass er stumm sei, dann aber begann er zu sprechen und es stellte sich heraus, dass er unglaublich stotterte. Wir gingen in ein Café, wo er mit jedem Glas Schnaps, das er trank, flüssiger und entspannter sprach. Wir mochten einander sofort (was uns beiden das erste Mal passierte). Eine Stunde später wusste ich, dass er mich liebt.
Er studierte Tiermedizin. Er hatte ein ausgezeichnetes, sozusagen fotografisches Gedächtnis. Von seinem Charakter her war er jedoch eine schamhafte und zarte Seele, ein kompliziertes gefühlsbetontes Wesen. Zu sehr. Das einzige Heilmittel für diese ganze Hypersensibilität (und das Stottern) war der Suff. Mit jedem Glas wurde es besser, in einem bestimmten Stadium der Trunkenheit wurde er sogar richtig fröhlich. Schlechter wiederum war er im analytischen und synthetischen Denken. Aber alles in allem die richtige Kombination für mich: mentale Beschränktheit, außerordentliche emotive Sensibilität, Impotenz und ausgezeichnete Anatomiekenntnisse. Er konnte auf mich einstechen oder mich schlagen, ohne lebenswichtige Organe zu beschädigen, er konnte meinen Körper lesen wie ein Instrument für Schmerzakkorde, andererseits ertrug er mit großer Tiefe und hündischer Ergebenheit unglaubliche Mengen meiner verbalen Misshandlungen und Demütigungen.
Nach einem halben Jahr unserer Bekanntschaft bat er mich um meine Hand. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich sagte, vielleicht nach einiger Zeit, wenn ihm das etwas bedeute. Er sagte, das tue es. Etwa einen Monat später zog ich zu ihm, und weil alles normal lief, blieb ich auch dort. Wir schlossen beide unser Studium ab, Matic wurde Beamter im Landwirtschaftsministerium, ich strebte den Magister bei meiner Professorin an. Das war ihm nicht recht, und ich erkannte, dass ich einen schrecklich eifersüchtigen Menschen an meiner Seite hatte. Zunächst hat mich das erschreckt, später erwies es sich jedoch als sehr willkommener Mechanismus, um die Dinge an den Abgrund hin zu treiben. Matic ging zum Dienst, ich schrieb schon meine Doktorarbeit und führte den Haushalt, die Wochenenden aber hatten wir immer für uns (wir hatten beide keinen Kontakt zu unseren Familien). An Samstagen machten wir manchmal einen kurzen Ausflug, Sonntage aber waren die Tage für unsere Spiele. Er begann schon vormittags mit Bier, und ich verlor schnell die Nerven. Beim Mittagessen schlug ich für gewöhnlich schon auf den Tisch, kippte den Teller um und schrie, nachmittags, wenn seine Augen glasig zu werden begannen, griff ich ihn mit allem an, was mir in die Finger kam. Von der Beschränktheit, Unbeholfenheit, Asozialität, Verweichlichung, Frustriertheit, Verklemmtheit, Infantilität, Impotenz bis hin zu dem alles erniedrigenden kleinen Schwanz, der eigentlich der Grund für alles sei. Kurz vor der Explosion ging ich zur Professorin, was ihn, eifersüchtig wie er war, schließlich zur Vernunft brachte. Dort trank ich selbst ein paar Gläser, und abends musste ich nur noch irgendetwas sagen, damit er mich an den Haaren packte und mir den Kopf gegen die Wand schlug, mir mit den Fäusten zu Leibe rückte, mich auf dem Boden zusammenstauchte und mich trat, mich an den Haaren durch die Wohnung schleifte, mir den Kopf ins Klo drückte, mich in der Wanne würgte, mir Nadeln in die Oberschenkel stach, mir Zigaretten auf dem Bauch ausdrückte oder mich mit einer Zange kniff, bis ich das Bewusstsein verlor, um mich mit einem Strahl Urin in den Mund oder ins Gesicht wieder zu wecken, oder mit dem Rohr des eingeschalteten Staubsaugers in einer der drei Öffnungen.
Das erste Mal in meinem Leben habe ich jemanden geliebt. Wirklich geliebt. Am zweiten Jahrestag meines Einzugs bei ihm war ich endlich bereit, ihn zu heiraten. Das taten wir ein paar Wochen später, und sofort ging alles den Bach runter.
Ich mache mir keine Illusionen. Alles das hat Matic kaputt gemacht. Schuld kann nur ich sein. Das ist kein Gejammer, das ist eine Tatsache. Jetzt schlage ich mir natürlich an den Kopf, weil es offensichtlich ist, logisch, wie alles im Rückblick, aber es ist vorbei. Die Hochzeit hat er natürlich im allerbanalsten Sinne verstanden, im alleralltäglichsten Sinne. Klar, er hat verstanden, was er eben verstehen konnte. Ich hätte das wissen müssen.
Zunächst begann es mit der Eifersucht, die krankhaft geworden war. Auf jede erdenkliche Weise wollte er mich von den beiden Frauen fern halten, jeglichen Kontakt mit ihnen unterbinden. Die Forderung war schlicht unmöglich zu erfüllen, da ich, unter anderem, gerade meine Promotion beendete. Und außerdem hatte ich nicht die geringste Absicht, den Kontakt mit ihnen abzubrechen, weder den sexuellen noch die sonstige Kommunikation. Die Verwandlung verlief irgendwie synchron: er trank immer heftiger, aber anstatt einer Kulmination in Gewalt begann er zusammenzubrechen. Immer öfter ging er einfach in die Knie, begann zu heulen und fragte mich, ob ich ihn liebte. „Wirklich? Liebst du mich wirklich?“ Als sich das zum vierten oder fünften Mal abspielte, wurde mir bewusst, was das eigentlich bedeutete und was da ablief. Ein Mensch zerfiel vor meinen Augen.
Er fing an, schon betrunken vom Dienst zu kommen, und trank dann nur noch, abends heulte er für gewöhnlich und fragte mich, ob ich ihn liebte. Alles zusammen war ein wahrer Alptraum geworden. Ich war immer seltener zu Hause, immer mehr bei der Professorin, mietete mir wieder eine eigene Wohnung. Dann warfen sie ihn wegen übermäßigen Trinkens aus der Arbeit. Jetzt war er ganze Tage zu Hause und trank nur noch. Ich promovierte im Herbst und nahm eine Dozentur an. Ich versuchte mit ihm zu reden, wollte ihn überzeugen, dass er eine Therapie macht, dass er dringend eine Rehabilitation braucht, dass das der einzige Weg für uns sei, einen neuen Versuch zu starten. Nichts. Nach einem halben Jahr vergeblicher Kämpfe packte ich Mitte April die Koffer und zog zu mir. Einen Monat später fand ihn die Polizei verwesend im Wohnzimmer. Die Nachbarin hatte sich wegen des Gestanks beschwert, der aus der Wohnung drang. Er hatte einfach bis zur Vergiftung gesoffen. Wir begruben ihn in einem heftigen Wolkenbruch.
Etwa eine Woche später meldeten sich bei mir zwei Kriminalbeamte. Sie sagten, sie würden gerne einige Informationen überprüfen und ein paar Fragen stellen. Die Nachbarn im Block hatten ausgesagt, dass sich zwischen uns beiden einiges abgespielt habe. Besonders an den Wochenenden. Von Streitereien und Geschrei bis hin zu Schlägereien und brutalen Prügeleien. Die Polizei sagte, dass angeblich nur mein Schreien zu hören gewesen sei. Sie behaupteten, es sei wenig wahrscheinlich, dass Matic, ein bescheidener und sanfter Mensch, fähig gewesen sein sollte zu prügeln. Sie wussten, dass er getrunken hatte, aber Matic solle nicht einmal fähig gewesen sein, eine Kakerlake zu zerquetschen. Sie fragten mich, ob er mich verprügelt habe, oder ich ihn, und ob ich das irgendwie beweisen könne. Noch heute weiß ich nicht, warum ich das getan habe. Ich hätte sie auch so überzeugen können, dessen bin ich sicher. Ich zog meine Bluse aus und ließ die weite Hose herunter. Ihnen blieb schlicht der Atem weg. Eine Narbe zwischen Quetschungen, eine Schnittwunde neben Blutergüssen. Sie blickten zu Boden und sagten, ich solle mich anziehen. Sie fragten nichts mehr. Bald darauf klopften Aktivisten der Gesellschaft zur Hilfe für Frauen an die Tür. Nach ihnen die Journalisten. Meine Geschichte der gefolterten Frau schlug in den Medien ein wie eine Bombe, erschütterte alles und jeden. Es kamen noch mehr Journalisten, es kam das Radio, es kam das Fernsehen. Jetzt bin ich Märtyrerin und Symbol der verfolgten Frauen. Apostel aller Unterdrückten, Hungrigen und Kranken. Jetzt bin ich Reklame im Fernsehen, ein Bild auf den Reklametafeln um die Stadt, jetzt bin ich Cocacola.
(aus: Kokakola in: O cem govorimo [Anthologie slowenischer Kurzprosa 1990-2004], Hg. Mitja Cander, Ljubljana, Založba Mladinska knjiga 2004)
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