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Aus dem Serbischen von Dagmar Schruf
Er marschierte schon fast eine Stunde lang, da hörte er hinter dem Wald ein Motorengeräusch, ähnlich dem von Onkel Irfans Jeep. Das Geräusch wurde lauter, jetzt klang es nach mehreren Fahrzeugen. Unfähig sich zu rühren und mit angehaltenem Atem blieb Mensur stehen, doch dann stürmte er über den Trampelpfad vorwärts als seien ihm Flügel aus dem Schulranzen gewachsen. Er rannte, fiel hin, rannte weiter, fiel nochmals, bis er den Waldrand erreichte, und sich ihm der schönste Anblick bot, den er je gesehen hatte: Um die Biegung am Fuße des Vuča Bergs schob sich durch Schneehaufen und schmutzige Fahrrinnen ein großer roter Lastwagen, geschmückt mit gelben und roten Lampen. Hinter ihm tauchte ein zweiter auf, dann ein dritter. Die rote Lastwagenkolonne verschwand hinter einem großen weißen Hügel, um wenige Augenblicke später auf der Straße direkt vor ihm wieder aufzutauchen.
Mensur stand am Straßenrand und betrachtete entrückt den Konvoi. Vor Glück und Aufregung stockte ihm der Atem. Der erste Lastwagen kam langsam näher und hielt direkt neben ihm. Als die Fahrertür geöffnet wurde und ein dicker alter Mann mit grauem Bart, ganz in Rot gekleidet und mit einer ungewöhnlichen roten Mütze ausstieg, dachte er, ihn würde der Schlag treffen.
„Kleiner“, sprach ihn der Weihnachtsmann an. „Wo geht's denn nach Crvogojno?“
Mensur starrte ihn wie gelähmt an. Er öffnete den Mund, doch heraus kam nichts als ein paar weiße Atemwölkchen.
„Hallo, Kleiner?“, der Alte beugte sich zu ihm hinunter und sah ihm in die Augen. „Wohnst du hier irgendwo?“
Der Junge sah ihn weiterhin stumm an.
„Kennst du vielleicht Hodscha Omar aus Crvogojno?“, fragte der Weihnachtsmann.
Mensur brannte der Bauch vor lauter Glück, das durch die Augen überlief, in zwei heißen, kleinen Tränen.
„Geht es da lang?“, fragte der rote Alte erneut und wies auf die Straße, die sich etwas weiter, am Ende des Waldes, gabelete. „Wo geht's zum Haus des Hodscha?“
Doch Mensur stand immer noch stumm da. Sein Kinn zitterte und Tränen kullerten ihm über die Wangen.
„Zum Teufel, Kleiner.“ Der Weihnachtsmann tätschelte ihm mit seinem Lederhandschuh den Kopf und schwang sich behende wieder in seine Fahrerkabine.
Die Motoren brummten laut auf und die rote Lastwagenkolonne verschwand hinter dem nächsten weißen Hügel. Der kleine Mensur stand noch eine Weile wie festgefroren und starrte auf die leere Kreuzung. Am liebsten wäre er gleich hinter dem Konvoi her ins Dorf zurückgelaufen, doch er wusste, dass sein Vater böse wäre, wenn er erfuhr, dass er nicht in der Schule war. Also drehte er sich um und lief durch die tiefen Lastwagenspuren weiter in Richtung Stadt, während er Gott bat, den heutigen Morgen zu überspringen, damit er so schnell wie möglich ins Dorf zurückkönnte, um zu sehen, was er vom Weihnachtsmann bekommen hatte.
Und um das Gesicht seines Vaters zu sehen, wenn er ihn fragen würde, ob er auch weiterhin glaube, dass es den Weihnachtsmann nicht gäbe.
* * *
Mensur konnte das Klingeln zum Schulschluss kaum mehr abwarten. Vor Ungeduld hatte er Krämpfe, wie er sie bekam, wenn er zuviele von Tante Almas Bureks gegessen hatte. Er stürmte aus der Schule und rannte, fast ohne den Boden zu berühren, aus der Stadt. Erneut wuchsen ihm Flügel aus dem schweren Schulranzen auf seinem Rücken, er rannte durch den braunen Schneematsch auf der Nesunacer Landstraße, sammelte die in den Schnee gefallenen Schulbücher wieder auf, rannte weiter, sprang über Gräben, die er bis dahin noch nie zu überspringen geschafft hatte, und tauchte auf dem Trampelpfad in den Wald ein.
Als er im Dorf ankam, wurde ihm klar, dass etwas Großes geschehen war. Eine Menschenmenge hatte sich bei der Moschee versammelt, und er rannte auf sie zu, rief nach seinem Vater, ganz gehetzt vor unvorstellbarer Freude. Als er näher kam, erkannte er Onkel Irfan in seiner Tarnuniform. Daneben stand der Vater, der sich zu ihm umdrehte und Mensur begriff, dass etwas nicht stimmte. Seine Augen waren rot vom Weinen.
„Mensur“, rief er ihn leise. „Komm, wir gehen mit zum Onkel und zu Tante Alma.
„Was ist denn passiert, Papa?“, fragte der Junge verwirrt und sah zur Moschee hinüber. „War der Weihnachtsmann da?“
„Was für ein verflixter Weihnachtsmann denn?“, brummte der Onkel.
„Komm, Mensur.“ Der Hodscha nahm seinem Sohn den Ranzen vom Rücken und zog ihn beiseite.
Als der Vater mit ihm hinüber zum Haus des Onkels ging, drehte Mensur sich um. Nun konnte er das Haus seiner Familie dort hinter der Moschee sehen und ein schreckliches Bild, das ihm die Beine wegsacken ließ: die leeren Fenster waren überdacht von rußschwarzen Dreiecken, und an der Stelle, wo das Dach gewesen war, rissen sich vereinzelte Rauchfetzen vom verkohlten Dachstuhl los und stiegen in den grauen Himmel.
„Es ist alles abgebrannt, Mensur“, sagte der Onkel und legte ihm seine riesige Hand auf die Schulter.
„Wer… wie…?“, brachte der Kleine hervor.
„Der neue Ofen“, sagte der Vater „Er ist offenbar explodiert. Niemand war im Haus. Alles ist abgebrannt.“
Mensur drehte sich um, blieb stehen und löste seine Hand aus der des Vaters. Er betrachtete, was von ihrem Haus übrig geblieben war und begriff.
„Nicht der Ofen, Papa“, widersprach er mit weinerlicher Stimme. „Du hattest Recht, das war der Weihnachtsmann. Der beschissene Weihnachtsmann hat das Haus angezündet.“
Er hatte sein verheultes Schimpfwort kaum ausgesprochen, da landete die rechte Hand seines Vaters schon mit einem Klaps auf seinem Hinterkopf.
„Was für ein verflixter Weihnachtsmann, was hat der Kleine bloß?“, brummte der Onkel wieder.
* * *
An jenem Neujahrstag also erfuhr der kleine Mensur Ceman, dass es den Weihnachtsmann tatsächlich gab, aber dass es nicht der gute Alte aus der Coca-Cola-Werbung war, der den Kindern bunt verpackte Geschenke bringt, sondern ein ungläubiger Brandstifter, wegen dem er nun bei Onkel Irfan lebte und im sechs Kilometer entfernten Nesunac zur Schule ging. Von diesem Neujahrstag an träumte der kleine Mensur jede Nacht von einem Zähne fletschenden roten Ungeheuer mit weißem Bart, das in einem roten Lastwagen in sein Dorf kam.
Gelehrte Leute, die sich auf Kinderängste verstehen, hätten über Mensurs Albträume ein ganzes Buch schreiben können. Es war nämlich so, dass der Weihnachtsmann für den Knirps ein katholischer Satan war, der in seinem Sack großes Unheil mitbrachte und muslimische Dörfer anzündete. Das hatte er vom Vater gehört, der an langen Winterabenden düstere Geschichten über den Weihnachtsmann erzählte, wie er die Kinder täuschte und sie von Gott und dem Glauben entfernte. Mit vor Angst trockener Kehle machte Mensur auf dem Heimweg einen großen Bogen um das Coca-Cola-Reklameplakat, von dem ihm derselbe böse Alte teuflisch entgegenlächelte, den er damals auf dem Schulweg in dem roten Lastwagen gesehen hatte, ohne zu ahnen, welches Unheil er für ihn in seinem Sack hatte.
Hodscha Omar erklärte seinem Sohn bestimmt Hunderte von Malen, dass es keine roten Ungeheuer gäbe, die Häuser und Schulen anzündeten, sondern dass der neue Ofen nicht in Ordnung gewesen war und explodiert sei, die Teppiche, Vorhänge und Bodendielen Feuer gefangen und ihr ganzes neues Haus entzündet hätten. Und dass der alte Veljo, der älteste Feuerwehrmann Bosniens, mit seinen Freiwilligen aus Nesunac zu spät eingetroffen sei, weil ihm niemand hatte sagen können, wo es nach Crvogojno ging und wo Hodscha Omar wohnte, daher waren sie amAbzweig hinter dem Vuca Berg nach Golija abgebogen und erst angekommen, als das Feuer das Haus des Hodscha bereits vollständig verschlungen hatte.
Vergebens erklärte ihm der Vater das alles Hunderte von Malen haarklein, denn an jenem Morgen, als die ganze Klasse mit der Lehrerin Mirna die Feuerwache der Freiwilligen Feuerwehr Nesunac besuchte - ein baufälliges, gruseliges Gebäude, das aussah wie ein Altersheim für schreckliche rote Väterchen wie den von Damir – dachte der kleine Mensur, er würde vor Angst sterben. Er hatte auch schon von anderen Kindern gehört, die sich vor dem dicken Weihnachtsmann fürchteten, der, wie sie sagten, nach Modder stank, aber es ist nicht belegt, dass sich jemals jemand so vor dem Weihnachtsmann gefürchtet hätte wie der kleine Mensur Ceman aus Crvogojno bei Nesunac.
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