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ALEKSANDAR GATALICA
  • 1963 in Belgrad geboren
  • verfasste nach dem Studium der Allgemeinen Literaturwissenschaften preisgekrönte Prosa, wie den Erzählband „Vek“ (Ein Jahrhundert, Ivo Andrić-Preis, 2000)
  • Seine Texte erschienen in über zehn europäischen Sprachen, unter anderem der Tod des Euripides auf Ungarisch (2007) und Ein Jahrhundert auf Italienisch (2008).
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Aleksandar Gatalica wird vertreten durch die Literaturagentur Dagmar Schruf.

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EIN JAHRHUNDERT

Aus dem Serbischen von Matthias Jacob

In den 101 melancholischen, ironischen und grotesken Prosatexten beschreibt Gatalica Ereignisse, Menschen und sonderbare Begebenheiten im 20. Jahrhundert. Jede Geschichte widmet sich einem Jahr. Unterschiedliche Erzähltechniken verdeutlichen die Heterogenität des Zeitalters und ihrer Protagonisten: Liebespaare und Künstler, Diktatoren und Revolutionäre, Kranke und Verbrecher – immer wird ihr Schicksal von der Historie wie von der eigenen Persönlichkeit bestimmt.

Erzählung von einem gewöhnlichen Deutschen

Volkmar Aehle war ein gewöhnlicher Deutscher. Er trat den Nationalsozialisten in seiner Heimatstadt Bremerhaven bei, gerade als man es von ihm erwartete, als die jüdischen Läden boykottiert wurden, mied auch er sie mit einer gewissen Verachtung. Wegen seiner Nervenkrisen wurden er mithilfe eines Entlassungsbriefs aus dem Sanatorium in Ockershausen bei Marburg 1938 vom Kriegsdienst befreit und zum Bürodienst abgeordnet, den er während des Krieges fleißig verrichtete. Im Sommer 1941 wurde er sogar öffentlich belobigt. In den Kellerräumen der Mainfrankenstraße 13a war ihm das Licht einer Petroleumlampe aufgefallen. Die jüdische Familie, die sich dort versteckt hatte, wurde auf seine Anzeige hin bald entdeckt.
Volkmar Aehle war ein gewöhnlicher Deutscher. Zu Beginn des Krieges hasste er die Engländer, nach 1943 die Amerikaner, und am Ende auch die Russen. Bis zum letzten Augenblick setzte er seine ganze Hoffnung auf die Geheimwaffen, die Deutschland helfen würden, auf alle Kampfgebiete zurückzukehren, die es verloren hatte, und an den endgültigen Zusammenbruch des Reichs und die amerikanischen Soldaten auf den Straßen Bremerhavens konnte er kaum glauben. Dann vermochte er sich an nichts mehr zu erinnern. An den Sonntagen sang er in der großen Kirche, aber durch die zerstörten Bögen hindurch sah man den ungeheuer großen Sternenhimmel über Deutschland. Im Winter 1946 nahm der gewöhnliche Deutsche bei schrecklicher Kälte ein Bad in dem zur Hälfte zerstörten Badezimmer im zweiten Stock. Gegenüber der neuen Obrigkeit bestätigte er, er sei im Staatsdienst gewesen, habe jedoch nie den Nazis angehört. Doch im selben Jahr wurde Dr. Ignatz Weiss zum Bürgermeister Bremerhavens ernannt, und nun kehrten allmählich auch die Juden seiner Nachbarschaft zurück.
Volkmar Aehle war ein gewöhnlicher Deutscher; trotzdem fürchtete er, die Rückkehrer könnten jeden Augenblick mit Fingern auf ihn zeigen. Noch etliche Male trug er in die amerikanischen Fragebögen ein: Mitgliedschaft in der Wehrmacht: nein“; SA: „nein“; SS: „nein“; Abwehr: „nein“; NSDAP: „nein“. Aber nachts konnte er die jüdische Familie nicht vergessen, die er vor fünf Jahren in der Mainfrankenstraße 13a entdeckt und angezeigt hatte… Höllische Angst brachte schließlich diesen gewöhnlichen Deutschen auf eine ungewöhnliche Idee. Immer mehr fühlte auch er sich durch die neuen amerikanischen Fragebögen bedrängt, und so beschloss Volkmar Aehle, eine jüdische Familie zu erfinden, der er während des Kriegs in der Mansarde über seiner Wohnung Obdach gewährt habe. Wie beim Brechtschen Theater begann er, den Personen Gestalt zu verleihen. Den Vater nannte er Albert Friedmann. Er fand vergilbte Fotographien aus der Buchbinderwerkstatt seines Onkels und schließlich überzeugte er sich beinahe selbst, die Person, die an den Druckmaschinen arbeitete, sei nicht der Bruder seines Vaters, sondern der gar nicht existierende Jude Albert Friedmann. Dann beseitigte er alles, was auf seine Mutter hätte hinweisen können, aber die Kleider der Verstorbenen nahm er nicht aus dem Schrank. Die neue Eigentümerin ganz gewöhnlicher Kleider, Mäntel und Hüte nach der letzten Mode aus dem Jahre 1927 wurde Berta Friedmann. Für sie bestimmte er, sie sei Schneiderin, Mutter zweier minderjähriger Kinder und dass sie mit dem linken Bein hinke. Über alte Freundschaften, die auf eine äußerste Gefahr zurückgingen, verschaffte sich Volkmar Aehle Vorkriegsdokumente von einigen zwielichtigen Nazis, die von den Amerikanern „Werwölfe“ genannt wurden. Die Urkunden fälschte er auf den Namen des jüdischen Ehepaars und dann ging er noch einen Schritt weiter. Die Friedmanns wurden zu seinen alten Nachbarn noch aus Zeiten der Weimarer Republik. Er dachte an die herrlichen Stunden, da er ihren goldigen Kindern deutsche Geschichte beibrachte, er erinnerte sich, er habe 1932 für Herrn Albert ein Medikament aufgetrieben, das schwierig zu besorgen war, und mit besonderer Pietät schickte er sich an, hervorzuheben, einzig die Friedmanns hätten ihn im Sanatorium in Ockershausen besucht, als ihm die Nervenkrisen Leib und Seele zerrissen.
Volkmar Aehle war ein gewöhnlicher Deutscher, aber der Geschichte von der vermeintlichen alten Bekanntschaft mit der jüdischen Familie, der selbst düstere und gefährliche Zeiten keinen Abbruch taten, setzte er die Krone auf mit einer amerikanischen Fallschirmbombe von einer halben Tonne: Die Friedmanns befanden sich in seinem Badezimmer. Sie badeten ihre Kinder und bekamen es kaum selbst mit, dass sie starben. Mit dieser Geschichte ging ein gewöhnlicher Deutscher zu den amerikanischen Okkupationsmächten, und fiel beinahe in Ohnmacht, als der diensthabende Offizier im Immigrationsbüro begann, ihn zu trösten und zu versichern, in seinem Badezimmer seien bestimmt nicht die Friedmanns umgekommen, da Herr Albert und Frau Berta Friedmann auf der Liste von 211 Personen stünden, die bald nach Bremerhaven zurückkehrten…
Volkmar Aehle war ein gewöhnlicher Deutscher, aber als er nun nach Hause kam war er innerlich völlig verstört. Noch einmal betrachtete er die Fotografien der Druckereimanufaktur seines Vaters, die Gestalt seines Onkels neben den Druckmaschinen und die Kleider und Mäntel seiner Mutter, die er leichtsinnigerweise Berta Friedmann „geschenkt“ hatte. Nichts von dem, was er sich über die erfundene Familie angeeignet hatte, konnte ihm nun noch irgendwie nützen. An einem gewöhnlichen Dienstag lud man ihn zu einem Treffen mit den Friedmanns und Volkmar wusste: das ist das Ende. Er betrat das Rathaus und brach beinahe zusammen. Albert sah genauso aus wie Volkmars Onkel, und Berta ähnelte ganz seiner Mutter. Das jüdische Paar stand auf, umarmte Volkmar und bestätigte sogleich alles, was er über sie berichtet hatte. Dann erzählten sie noch lange, wie Volkmar für Herrn Albert 1932 ein Medikament aufgetrieben habe, das schwierig zu beschaffen gewesen sei, und wie er ihren bezaubernden Kindern, die kurz vor der Reise nach Palästina stünden – Unterricht in deutscher Geschichte erteilt habe….

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