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Übersetzt von Andrea Meyer-Fraatz
Bauerngambit beschreibt die Metamorphose des unfreiwilligen Uhrmachers Boris Greiner zum Autor des vorliegenden Romans. Geschrieben 1999, an der Schwelle des neuen Jahrtausends, ruft sich der Erzähler ein bis dahin vergangenes “halbes” Leben in Erinnerung. Einerseits mit dem Autor identisch, andererseits stets in der dritten Person, in der Regel als “der Uhrmacher”, bezeichnet, beschreibt er in voneinander relativ unabhängigen Episoden, wie sich in vierzig Jahren das angestammte Wohnviertel allmählich verändert, aber auch, wie der Uhrmacher sein Handwerk immer mehr als Spiel mit philosophischen Dimensionen betreibt. Das Uhrwerk als Abbild des Universums wird zum Sinnbild der vergehenden Zeit und zum Abbild der Absurdität des Daseins. Die Wahl der dritten Person schafft eine notwendige, selbstironische Distanz, ohne die es sich um eine bloße Nabelschau eines Vierzigjährigen handeln würde.
Der Roman ist stilistisch verwurzelt in der Prosa der russischen Moderne und Avantgarde (Belyj, Pilnjak, Oleša) sowie in der surrealistischen Prosa Queneaus. Es handelt sich um eine äußerst poetische Prosa, die bisweilen in freie Verse übergeht und die sehr stark mit Lautwiederholungen und Wortspielen, nicht zuletzt mit der im Kroatischen fremdartigen (da auf deutschen Lehwörtern basierenden) Uhrmacherterminologie, arbeitet.
XIII
Auf dem Fenstergitter der Uhrmacherwerkstatt versammeln sich manchmal Tauben. Das Fenster läßt sich nicht öffnen, es dient nur als Lichtquelle, und obwohl der Uhrmacher die Tauben nicht füttern kann, erinnern sie ihn regelmäßig an etwas. Der Uhrmacher nimmt dann das Buch Häusliche Fleißarbeiten aus dem Regal, öffnet es aufs Geratewohl und liest.
Der Uhrmacher legt das Buch beiseite, steht auf, geht wie ein Roboter um das Pult, verläßt das Ladenlokal und bewegt sich Richtung Palme. Dabei schaltet sich sein Gehirn ein: “Ist es nicht peinlich, wenn ein Uhrmacher in weißem Kittel mit der Lupe auf der Stirn aus der Kneipe kommt und ein Glas Schnaps in der Hand hält? Frau Berta vom Marktstand würde mich schön segnen - oder wenn mich Frau Porges sähe, die Mutter des Ministers, der ich gerade eben die goldene Gruen repariert habe. Und Silva erst!”
Ihm fällt eine klassische Lösung ein: Er wird zwei nehmen - man muß doch anstoßen, wenn man Besuch hat! Sehen wir mal, wer dieser Besuch heute sein könnte, wer würde zu dieser Situation am besten passen? Fangen wir vorne an. Ja, das ist es – Zlatko! Der erste beste Freund des Uhrmachers!
Eins c, Grundschule in der Ivanićgradska. Zlatko und der Uhrmacher sitzen das ganze Jahr über zusammen. Auf der Photographie zum Tag der Republik sagen sie zusammen ein Gedicht auf. Nach der Schule zeigt ihnen der Großvater des Uhrmachers, wie die Eisenbahner Züge verschieben.
15. Juni 1967. Die Zeugnisse werden verteilt. Sie haben mit einer Eins abgeschlossen. Sie gehen auf den Marktplatz, zum Vater des Uhrmachers. Er spendiert ihnen ein Eis.
DER UHRMACHER /bedeutsam, für sich/: “Ja ein Eis, Herr Minister! Zlatko und mir, jedem drei Kugeln - sooft wir wollten. Es war Sommeranfang. Mein erster bester Freund. Zum Herbst ist er nach Neu-Zagreb umgezogen, und von da an haben wir uns nicht mehr gesehen.”
Während er die Palme betritt, kommt dem Uhrmacher eine Idee: Es wird noch weniger verdächtig sein, wenn er fünf bestellt. Ein paar Schulfreunde sind gekommen: Edo Alikafi?, Damir Fresl Enjer ... na, und Keka und Kruno Topolšek ... Ujlaki ... wer war da noch ... Šimecki? ... nein, nicht Šimecki, sondern Bugarski ... dann Pina, na, und Ležaji?.
DER UHRMACHER /an der Theke/: “Acht! Acht Travarica. Unglaublich, ha - was sagen Sie dazu, Frau Zdenka? Alle sind da!”
ZDENKA: “Tatsächlich? Die ganze Klasse? Bravo. Und Sie - wenn schon alle da sind, dann können Sie doch auch einen, ha?”
Der Uhrmacher trägt auf dem Rückweg ein Tablett mit neun Travarica. Vor der Tür wartet auf ihn ein schönes junges Mädchen. Der Uhrmacher schließt auf, zusammen gehen sie in die leere Werkstatt.
DAS MÄDCHEN: “Ich bin wegen der Gruen meiner Oma gekommen, auf den Namen Porges. Wenn sie fertig ist ...”
‘Jesus! Neun Gläser - und hier ist niemand! Der Minister wird mir das Fell über die Ohren ziehen!’
DER UHRMACHER: “Ja, ja, sie ist fertig, wie denn nicht, hier ist sie. In Ordnung, die Oma hat schon bezahlt, die Garantie ist unter dem Deckel, wenn irgenwas stehenbleibt oder vorgeht, ich bin hier. Jeden Morgen, ja, gerade so wie jetzt. Manchmal kommen auch Freunde vorbei. Ich warte gerade auf sie - meine Schulkameraden müßten jeden Moment ...”
DAS MÄDCHEN: “Gut, danke, auf Wiedersehen.”
Der Uhrmacher wendet sich erneut dem geöffneten Buch zu.
“Wer in der Natur und mit der Natur lebt, lächelt ständig dämlich vor sich hin. Erst legt er Kravatte und Stadtkleidung ab, dann entsagt er dem Kino und dem Fernsehen, am Ende wird er auch die Uhr ablegen. Das Ablegen der Uhr stellt den Anfang des Fortgangs aus der Leinwand der Natur dar.”
DER UHRMACHER /erhebt das erste Glas/: “Bohumil Hrabal!”
[…]
XV
Die Linien auf der Hand sind ein Abbild von Flußströmen auf einem grünen Kontinent vor der Ankunft der Weißen.
Madagaskar ist ein aus der Handfläche herausgeschnittenes Herz.
Dorthin hat sich Direktor Stihl mit dem Segelboot aufgemacht.
Und das Uhrwerk ist ein Abbild des Weltalls. Die Zeiger kreisen, und innen, unter dem Zifferblatt, bewegen sich die Räder. Der Anker schickt eine Umdrehung an die Unruh. Und sie, la piccola ballerina, dreht sich auf Zehenspitzen mit ausgestreckten Armen und einem Spriralenröckchen, das ihr sehr interessant in der Bewegung folgt. Das Herz des Uhrwerks schlägt und tanzt zugleich.
Bezaubert bewegen wir uns durch die beleuchteten Wirrungen des Weltallverkehrs.
Oft hat der Uhrmacher in seiner Werkstatt Pech. Ein kleines, kaum sichtbares Teil fällt ihm hinunter, verrutscht, fliegt fort oder verschwindet für einen Augenblick. Sagen wir, die Sperrfeder: Er schaut sie an, dreht sich nach der Pinzette um, und schon ist die Feder weg. Verschwunden. Was soll das jetzt wieder bedeuten? Wo ist sie? Vielleicht auf dem Tisch, vielleicht auf dem Fußboden, vielleicht im Haar oder schon verschluckt? Soll er die Suche starten oder warten, bis sie zurückkehrt? Was macht sie, diese Feder? - sie spannt sich, widersteht dem Druck, aber dieser Druck muß sanft sein, denn sie ist sehr fein, unsichtbar wie ein kleines Elfenhufeisen. Und jetzt ist sie weg. Verloren. Der Uhrmacher ist verzweifelt. Wieder darf er sich nicht rühren, wieder sucht er nur mit dem Blick in den Falten der Kleidung. Die Erfahrung sagt ihm, daß der Erfolg beim Suchen auch von etwas abhängt, was außerhalb des Suchens liegt. Aber wovon? Jedenfalls muß alles abgesucht werden. Und so, sehr langsam, beinahe heimlich, läßt er sich auf die Knie nieder, beugt sich noch tiefer, kriecht umher und sucht alles ab. Zuerst ohne Hilfsmittel, dann der Reihe nach: mit dem Magneten, dem Handbesen, der Lupe. Am Ende kniet er unbeweglich, als ob er sich ergeben habe, dann dreht er sich plötzlich um, hat er sie nicht überrumpeln können? - aber alles umsonst. Er sitzt wieder auf dem Stuhl und ist nicht einmal böse. Er denkt an etwas anderes.
Adriatic ocean. Das Schlafzimmer einer Sirene. Sie, ein wenig Isabelle Adjani ähnlich, sitzt auf dem Bett und wirft einen Pfeil auf eine runde Zielscheibe. Die ist wie eine Torte in vierundzwanzig Teile geschnitten. Das Stück, in das sie trifft, gibt die Uhrzeit an. So spielt sie, so beginnt ihr Tag.
Elf Uhr vormittags. Die Uhrmacherwerkstatt.
Gut, sagt der Uhrmacher laut, die Zeit ist abgelaufen.
Aus der Schublade mit den Ersatzteilen nimmt er eine Schachtel mit der Aufschrift Efhaef 76, findet eine zweite Sperrfeder und versucht jetzt, doppelt vorsichtig, sie in das Werk einzusetzen. Aber im Handumdrehen - Ichhätteeinefeinerepinzettenehmensollen! - verschwindet auch diese Sperrfeder. Der Uhrmacher ist außer sich. Steht auf, gratuliert dem unsichtbaren Widersacher. Alle Achtung, alle Achtung! Und woher wußten Sie, daß es meine letzte ist? Jetzt alles von vorn, Knie, Handbesen, Lupe ... Aber - was dann? Herr Baldaš wird in einer halben Stunde kommen. Wegen seiner Cortébert ist er schon mehrmals vorbeigekommen, mal ging sie eine Minute vor, mal eine Minute nach. Aber er verlangt die genaue Zeit, damit er sie unter Kontrolle hat.
Der Uhrmacher nutzt jetzt unter der Macht der unsichtbaren Hufe die verbleibenden Minuten, um nachzudenken und zu begreifen, worum es geht, welche Lösung die beste wäre und wie er dem Eigentümer erklären soll, weshalb seine Cortébert jetzt gar nicht mehr geht. Er erinnert sich an das erste Prinzip: Nicht-ein-Teil-darf-draußen-bleiben. Und nichts geht hinein, was keine Funktion hat. So ist das jedenfalls theoretisch, aber was hat das mit dem Problem zu tun? Diese Geschichte hier wird ihm nicht aus der Patsche helfen.
DER UHRMACHER: “Herr Baldaš!!!”
/Woher taucht der denn jetzt schon auf/
HERR BALDAŠ: “Guten Tag! /lacht/ Bin ich pünktlich?”
DER UHRMACHER /öffnet seine Uhr, löst das Armband und den Deckel, zeigt das Werk/: “Pünktlich, sehen Sie - die Energie fügen wir zu, indem wir hier aufziehen. Und sie überträgt sich über diese größeren Zahnräder auf die kleinen, hinter denen der Anker ist. Die Unruh ist dies hier - was von rechts nach links tanzt - wie eine Ballerina, sehen Sie? Ihr Röckchen dreht sich und spannt sich an bis zum äußersten. Auf halbem Weg zurück erwartet sie der Partner, der Anker, und schwingt zur andern Seite hin. Bei jeder Begegnung geben sie sich einen Kuß. Einmal sie ihm - tick!, das andere Mal er ihr - tack! - und so geht es weiter bis morgen früh, wenn von uns von neuem ...”
HERR BALDAŠ: “Junger Freund. Ich bin vor fünfundfünfzig Jahren von Istrien nach Zagreb gekommen. Im Winter, in kurzen Hosen. Ich habe hier als erster angefangen, Piroggen zu backen. Schon seit zwanzig Jahren bin ich in Rente. Vorgestern ist mein Enkel geboren, ich komme gerade aus dem Krankenhaus. Ich sehe, sie wissen alles über ihr Handwerk. Meines war Backen. Milliarden von Piroggen habe ich gebacken, und alle waren in Ordnung. Damit bin ich sehr zufrieden. Aber, sehen Sie, meine Kundschaft hat es niemals interessiert, wie oft ich das Teigdreieck umdrehen mußte, damit es blättrig wurde und hinterher, nach dem Backen, seine Knusprigkeit behielt und gleichzeitig auf der Zunge zerging - kommen wir zur Sache. Sagen Sie mir offen, ist es Ihnen gelungen, das Gemüt meiner Cortébert zu besänftigen? Gibt es noch Hoffnung für sie, oder wird sie an meiner Seite auf dem Weg in die Ewigkeit weiterhin vorgehen?”
In einer der vierundzwanzig Schnitten der Betontorte an der Volovčica schließt sich ein Kreis. Der Uhrmacher nimmt das Köfferchen mit der Schreibmaschine, stellt es auf den Ladentisch und nimmt den Deckel ab.
DER UHRMACHER: “Ich weiß es nicht, mein Herr, aber es gibt noch Hoffnung. Sie besteht darin, daß wir weiterhin das Rädchen aufziehen, ohne Rücksicht darauf, wie sich die Zeiger bewegen. Die Ewigkeit reist mit Ihnen, geradegeradeso wie mitmir und ständig mitallen, immer dieselbe Ewigkeit, der ganzen Welt schlägt dieselbe Sekunde. Aus dieser Sekunde ist die Zeit gemacht. Die wir spalten, einpacken und messen, aber wir können sie nicht kontrollieren. Denn erst Tick und Tack sind Fakten, und alles, was passiert, passiert dazwischen. Und wenn etwas stehenbleibt, bleibt es immer dazwischen stehen. Niemand fragt uns. Und wenn das Leben nicht endlos ist, so ist es absurd. Aber, wenn wir uns einig sind und in Rechnung stellen - Ihre Blätterteigdreiecke, meine Feder und noch etwas Drittes - dann haben wir all dem einen Sinn verliehen, den der Tod nicht mehr rauben kann.”
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