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Aus dem Mazedonischen von Will Firth
163.
Vielleicht sollte man sich merken, dass das Leben aus kleinen Bemühungen besteht, aus einem Schritt nach dem anderen. Im Herausputzen von Details. In der Anerkennung von Misserfolgen, im Genießen des Erreichten. Um das Leben schöner zu machen. Um unsere Nächsten zu befriedigen und an ihrer Freude teilzuhaben. Sonst könnten wir uns leicht in Kriechtiere verwandeln, die ihre Eier zum einsamen Schlüpfen ablaichen, die sich ohne besondere Veranlassung häuten – nicht aus Gewohnheit, sondern aus dem Wunsch heraus, sich anzupassen, mimikryartig.
Wir müssen ehrlich zu uns selbst sein. Freilich nagen in uns Fragen, die unsere alltägliche, gewohnte Ordnung stören. Aber wenn wir sie tief genug in uns eindringen lassen, werden sie etwas herausnagen; einen nach dem anderen werden sie die tief vergrabenen Misserfolge zu Tage fördern, die kleinen und die großen, und danach bleibt uns nur, mit ihnen fertig zu werden, sie genüsslich zu zerkauen, die abgestandenen Gifte auszuspucken und erleichtert durchzuatmen.
164.
Sie küsste mich, bevor ich in den Bus stieg. Wir lachten. Wir sehen uns wieder, sagten wir uns mit den Augen. Ich ließ meine Finger über ihre Wange gleiten. Sie nahm meinen Zeigefinger tief in den Mund und saugte daran. Ich bekam einen Ständer. Fast sofort.
”Wir sehen uns wieder”, sagte ich.
”Mhm.”
Ich setzte mich auf den Beifahrersitz und betrachtete bis Skopje die weißen und gelben Striche auf der Straße.
165.
Am Busbahnhof warteten mein Cousin Vlado, genannt Türke, und Mars. Keine Ahnung, wie sie meine Ankunftszeit rausbekommen hatten. Ich fragte mich, ob sie überhaupt wussten, wo ich gewesen war. Aber es war schön, abgeholt zu werden.
”Hey”, sagte ich.
”Hey”, kam es zurück.
”Da bin ich.”
”Cool”, sagte Mars.
”Na, Cous’, was machst du denn hier?” fragte Türke.
Scheiße, sie waren doch nicht zum Abholen gekommen.
”Ich komme von einer Reise wieder. Und ihr?”
”Wir warten auf Platten aus Belgrad.”
”Toll. Und ich dachte, ihr würdet mich abholen.”
”Ha, nicht ganz. Aber morgen fahren wir nach Budapest, komm doch mit.”
”Was geht da ab?”
”Bowie-Konzert. Wir brauchen noch jemand, dann können wir eine Gruppenkarte für den Zug kaufen.”
”Ich schwimme nicht gerade im Geld ...”
”Wir finden schon was”, sagte mir Türke, mein Cousin. Cous’ ...
”Musst du nicht zur Armee, Mann?”, fragte Mars.
”Dieser Tage kommt die Einberufung.”
”Haben sie dir den Pass abgenommen?”
”Nein, sie haben nicht mal nach ihm gefragt.”
”Morgen um sieben fahren wir.”
”So früh?”
”Yup.”
Eine grausame Zeit.
166.
Zwei Tage später fuhren wir fröhlich lärmend in Budapest ein. Zu jener Zeit, 1990, waren wir für ungarische Verhältnisse steinreich. Mit etwas Kleingeld in der Tasche zogen wir den ganzen Tag durch die Bars und Museen. Auf dem Váci-Ring frühstückten wir Kaviar. Ich hatte noch nie im Leben Kaviar gegessen. Ich assoziierte ihn mit Champagner und Überfluss. Mit viel Geld. Und da ich bekanntlich kein Geld hatte, war Kaviar die ersten zwanzig Jahre meines Lebens nicht auf der Speisekarte gestanden. Jetzt, auf dem Váci, der bekanntesten Straße in Pest, frühstückten Türke, Mars, ich und noch einige Leute aus Mazedonien Kaviar und protzten. Zumindest kam ich mir so vor, als würde ich protzen. Schöne krosse Brötchen, Butter und alles, was dazugehört. Und ein bisschen Wodka, um den Tag zu beginnen. Eiskalter Stolichnaya, eine Halbliterflasche. Der lief gut runter.
Am frühen Nachmittag liefen wir über die Brücke mit den Löwen und bummelten durch Buda. Kehrten dann nach Pest zurück, über eine andere Brücke. Und dann wieder zurück. Wie Stare im Frühling. Pest gefiel mir auf den ersten Blick. Das passiert mir selten mit Städten, aber es war wirklich schön. Die Herbstsonne wärmte angenehm, von der Donau wehte eine frische Brise, auf den kleinen Plätzen saß und spazierte ein Milliönchen Menschen herum. Die Mädels trugen keine BHs. Überall sah ich hübsche Mädels ohne BH, in Tops und T-Shirts; sie waren entspannt und sich ihrer Schönheit verdammt bewusst. Sie hatten ein Wahnsinnsdekor für ihre Promenade: alte, kaiserliche Bauten. Große Gebäude mit Säulen und verschnörkelten Balkonen. Von Fassadenstuck umgeben. Hohe Fenster. Und andere Gebäude. Die waren auch gut, die anderen.
In Buda entdeckten wir einen kleinen Park gleich an der Donau. Dort gab es einen großen, vollkommen runden Stein. Er glich einem riesigen schwarzblauen Ball. Ich setzte mich auf den Stein und sah in den Fluss. Den ganzen Tag hatte ich ihn überquert, aber erst jetzt nahm ich ihn richtig wahr. Den wunderschönen, mächtigen Strom. Wie er wohl ist, wenn er nicht in Kais gezwängt ist, dachte ich. In der Ferne, stromaufwärts, sah ich eine grüne Insel, auf der Bauwerke zu erkennen waren. Auf jeden Fall schimmerte etwas weißlich. Schließlich starrte ich in den Himmel. Das haute mich um. Mit einem Schlag, buchstäblich. Ich hatte schon oft den offenen Himmel gesehen, aber nach all den Kilometern dieses Sommers und dem Spazieren durch die Straßen und Plätze der Stadt am Nachmittag erschien mir der Himmel weiter und offener als je zuvor. Er war mit flaumigen Wolkenfetzen gesprenkelt und ich sah in seine blaue Tiefe. Ich saß auf dem Stein, rauchte und starrte nach oben. Die Finger meiner rechten Hand juckten. Ich schrieb ein Gedicht. Der Himmel. Mein erster Himmel über Budapest.
167.
Wir stiegen in die Metro und fuhren in Richtung Stadion. Es war später Nachmittag. Jemand sagte, wir müssten früher hin, um Plätze direkt vor der Bühne zu ergattern, also fuhren wir los. Am Eingang waren wir unter den Ersten. Bis zum Anfang des Konzerts hatten wir noch vier Stunden Zeit. Wenn man bedenkt, wie früh wir gekommen waren, hätte man uns nicht in die erste Reihe vor der Bühne, sondern oben auf die Bühne lassen müssen, dachte ich. Jemand schlug vor, für das Konzert Stolichnaya zu kaufen. In der Nähe gab es einen Supermarkt, genau so einen wie in Skopje. Die gleichen Regale, die gleichen mürrischen Verkäuferinnen und Spiegel an der Decke, um Ladendiebstahl zu verhindern. Jemand sagte, wir würden mit Alkohol nicht reingelassen. Also kauften wir auch Saft in einer Plastikflasche, um den Wodka zu tarnen. Fürs Erste nahmen wir zwei Halbliterflaschen. Wir dachten, das würde für den ganzen Abend reichen, aber wie sich herausstellte, war es nur der Anfang. In den dreieinhalb Stunden bis das NEP seine Tore öffnete, gingen wir einige Male in den Supermarkt. Wir verpulverten unsere ganzen Forint. Ich ging noch einmal hin und klaute eine Flasche. Das Gewimmel der Bowie-Fans war so groß, dass es niemand merkte. Mars trug eine Gürteltasche mit all unseren Dokumenten. Er wirkte am nüchternsten von uns allen. Außerdem war er der Älteste, also waren die Pässe bei ihm am sichersten. Wir hüteten sie wie unsere Augäpfel: die roten Pässe mit dem jugoslawischen Wappen, mit denen wir nach Lust und Laune überall hin fahren konnten. Heutzutage werden Aufsätze über sie geschrieben. Aber einem Dokument so viel Aufmerksamkeit zu widmen – das geht mir einfach zu weit. Auch wenn das Dokument ein Symbol ist. Für einen verrotteten, zerfallenen und absolut verfickten ... Staat, der quasi von den Flammen des Wappens der vereinigten Republiken und Provinzen abgefackelt wurde.
168.
Wir strömten hinein wie ein Schwarm, eine wilde Horde. Massenansturm. Als wollten wir die Bühne stürmen. Es sei wichtig, sagte jemand, in der ersten Reihe zu sein. Und selbst wenn ich nicht gewollt hätte, die Masse hätte mich hingetragen. Wie einen winzigen Tropfen Schweiß auf einem heißen Körper, der ins Meer steigt.
Wir reihten uns vor der Bühne ein, wie zahme Schafe, treue Götzendiener des Subkulturkults, wir – die Rocker, Trendies und sonstigen Cliquen, bereit für Show und Spektakel. Um einen Mann zu sehen, der die Musik revolutioniert hatte, bevor die meisten von uns seine Musik überhaupt hören konnten. Weil wir damals noch Wiegenlieder im Ohr hatten.
Aber es war doch nicht so einfach: Zuerst musste die Vorgruppe spielen. Hirnlose Typen aus einem Vorort von Timi?oara ... Nichts gegen Timi?oara oder irgendeine andere Stadt außer meiner Heimatstadt. Aber die Jungs hatten nichts auf dem Kasten.
169.
Ich war auf dem Konzert so betrunken, dass ich mich nicht mehr an alles erinnern kann. Die Musik kam mir leise vor, das weiß ich noch, und gleich neben mir stand eine Blondine mit schönem Duft und dicken Fingern. In der Pause unterhielten wir uns über die Musik; Türke sagte, wir hätten nur die Monitore und kleinen Verstärker von der Bühne gehört. Und das soll sie gewesen sein, die Sound & Vision-Tournee? Zu sehen gab es auch nichts Besonderes. Begegnungen aus nächster Nähe mit irgendwelchen gefeierten Fatzkes haben mich noch nie vom Hocker gehauen. Über die Blondine habe ich erst einige Jahre später geredet, als mir eine meiner damaligen Freundinnen sagte, sie wäre nach dem Bowie-Konzert in Zagreb nach Skopje zurückgekehrt, auf ein Hochhaus geklettert und hätte sich mit einem Sprung aus dem fünfzehnten Stock das Leben nehmen wollen. Ich musste ihr klarmachen, was für eine langweilige Kuh sie war: Während du dich aus der Ferne nach Bowie gesehnt hast, sagte ich ihr, habe ich auf dem Konzert in Budapest vor seiner Nase ein blondes Luder gepoppt – in der ersten Reihe vor der Bühne! Sie war nicht sicher, ob ich sie verarschte, aber unsere Beziehung hat sich danach spürbar verbessert: Immer wenn sie anfing rumzuspinnen, erzählte ich ihr eine Geschichte, die sie vom Hocker haute.
Die Plastikflasche Stolichnaya mit Saftgeschmack machte die Runde. Wie einen Joint ließen wir sie kreisen. Bowie war ganz in Weiß, lachte mit seinen Keramikzähnen und geschminkten Lippen. Nein, aus der Entfernung konnte ich nicht erkennen, dass sie aus Keramik waren. Aber ich kannte die Geschichte über seine Zähne, hatte Bilder gesehen, auf denen er mit schwarzen Stummeln im Munde grinste, den Überresten seiner ungepflegten Zähne. Ich war echt angepisst. Für dieses Konzert war ich tausend und mehr Kilometer gereist und ich fand es nur schwach. Wahrscheinlich hatte es mich einfach nicht erreicht. Es war nicht durch mich hindurchgegangen, sondern an mir vorbei. Station to station ... Wie ein Zug auf dem Abstellgleis. Schade bloß, dass ich das Abstellgleis war. Echt ab vom Schuss. Verschüttet unter Staub und Schweigen, inmitten der schwitzenden, lärmenden Menge.
170.
Wir gingen wieder hinaus, wie wir hereingekommen waren. Eine Herde wahnsinniger Rinder. Jedenfalls habe ich alle aus den Augen verloren: auch Mars mit den Pässen und Türke, meinen Cousin, und den, der vielleicht die Wodkaflasche hatte, falls noch Wodka übrig war. Meine Beine liefen in Richtung Metrostation. Die Lichter von Budapest schwammen um mich herum. Ich fühlte mich wie ein großer, runder Fisch. Betäubt. Ich betrat die Metrostation, ohne Fahrkarte, ohne einen einzigen Scheißforint. Toll, dachte ich, wenn sie mich jetzt beim Schwarzfahren erwischen, und ich habe weder Pass noch Kohle dabei. Ich wusste nicht, wozu Kohle in einer solchen Situation gut sein sollte, aber zumindest hätte ich was in der Tasche. Ich zündete mir eine Zigarette an, während ich auf den Zug wartete. Das war auch verboten. Toll, dachte ich ... aber niemand sagte was wegen der Zigarette. Die Metrostation war zum Bersten voll mit besoffenen, bekifften Bowie-Fans. Ich war nur einer von ihnen. Ein Tropfen im Meer von Schweiß, Gedränge und Lärm.
Einen Blick auf die Uhr. Unser Zug fuhr in fünfundzwanzig Minuten. Ich war echt aufgeschmissen, verdammt ...
171.
Ich rannte von der Metrostation zum Bahnhof, zur Tafel mit dem Fahrplan, dann zum Bahnsteig, auf dem mein Zug stand, und lief ihn ab, bis ich sie alle auf einem Haufen hübsch versammelt fand. Nur der Wodka fehlte.
”Verdammt. Ich dachte schon, ich müsste hier bei den Ungarn blieben ...”
”Na, ob die dich nehmen würden, so wie du aussiehst?”, sagte Türke.
”Ich musste rennen, Mann. Oder denkst du, ich war im Freibad? Nie wieder lasse ich meinen Pass bei jemand anderem, auch wenn ich stockbesoffen bin,” brachte ich japsend heraus.
”Hier ist alles, was du brauchst”, sagte jemand. Und reichte mir eine Flasche Wasser. Das war alles, was ich brauchte, er hatte Recht. Wer war es gewesen? Džirlo? Vielleicht. Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass er es war. Für die Geschichte ist das vielleicht nicht wichtig, aber es ist wichtig für mich: Ich will mich an alle erinnern können, mit denen ich in einem Augenblick meines Lebens zusammen war. Nicht, weil ich der Meinung bin, mein Leben wäre so wahnsinnig wichtig für jemand anderen außer mir, sondern weil all die Menschen und Orte mich eben zu dem gemacht haben, was ich bin, egal wie kurz und oberflächlich die Berührungen waren. Staub fällt auf friedliche, tote Orte. Noch nie hatte ich mir erlaubt zu beobachten, wie er sich ablagert: Immer nahm ich gerade Anlauf. Um in ihn einzutauchen und hindurchzuschwimmen. Um ihn aufzuwirbeln. Vor allem in mir. Dann würde alles leichter sein. Ich würde erleichtert aufatmen, durchatmen, dachte ich.
Aber noch steckte ich hier, im Staub. Er deckte mich jeden Tag ein bisschen mehr zu. Unmerklich. Mimikryartig.
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Der Einberufungsbescheid erwartete mich neben der Schreibmaschine. Am 19. September, stand drauf. Es war mitten in der Nacht. Alle schliefen. Ich ging in die Küche und fand eine der Flaschen meines Vaters. Schenkte mir einen Doppelten ein und setzte mich vor die Schreibmaschine. Draußen dämmerte es. Ein Blick zum Kalender. Heute war der 18. September. Ich sah meine Haare an. Sie gingen mir bis zur Brust. All das würde morgen weg sein – die Haare, die Schreibmaschine, die Fotos von ihr an der Wand, auch das einsame Betrachten der Morgendämmerung. Morgen um vierundzwanzig Uhr würde ich in der Kaserne ”Maršal Tito” in Zagreb sein, Militärpost-Nr. ?????. Ich trank auf Ex, kippte einen Zweiten hinterher.
173.
Zu einer anständigen Zeit, so gegen Mittag, rief ich bei Ozana an.
”Ich komme morgen früh”, sagte ich.
”Dann hole ich dich vom Bahnhof ab.”
”Ich werde geschoren sein.”
”Denkst du, ich erkenne dich nicht?”
Nachmittags um fünf versammelten sich einige Leute bei mir zu Hause. Um mich in die Jugoslawische Volksarmee zu verabschieden. Wir saßen herum und versuchten, uns zu unterhalten. Schwierig. Emily, meine ”Schulbankschwester”, griff mir im Badezimmer in die Haare. Zuerst flocht sie mir einen dicken Zopf. Dann machte jemand ein Foto von mir. Alle mochten meine langen Haare. Wenn sie doch nur meine Offiziere in der Armee wären. Aber sie waren es nicht. Daher verabschiedete ich mich von meinen Haaren schon an diesem Morgen. Dort wird mich niemand massakrieren, sagte ich mir. Emily nahm die Schere, ritsch-ratsch, und alles war vorbei. Sie verpasste mir noch einen richtigen Schnitt, ich rasierte mich, und schon war ich armeetauglich. So schien es mir zumindest.
Im Wohnzimmer hielt Giš Vorträge darüber, wie unnötig die Armee sei und wie sie Menschen zu Grunde richte. Als befände ich mich auf meiner eigenen Totenmesse. Mein Vater fing an sich zu betrinken, meine Mutter war ganz aufgewühlt, meine Schwester servierte Getränke. Ich hatte größte Lust, auszugehen und sie in diesem seligen Trauerzustand zu belassen. Emily führte mich an der Hand zurück ins Zimmer. Alle reagierten pathetisch, aufgewühlt. Als wären meine Haare die Essenz meines Daseins gewesen.
”Kirca, jetzt werden mich die Nachbarn nicht mehr schief angucken”, sagte ich zu meinem Vater und setzte mich neben ihn. Wir schenkten uns ein und tranken auf Ex. In seinen Augen standen Tränen. So wie jetzt in den meinen.
174.
Abends um zehn fuhr der Zug. Emily und meine Schwester liefen hinter ihm her. Meine beiden Schwestern. Die das Leben mir rauben würde. Eine lange Geschichte. Eine andere Geschichte, die über meine beiden Schwestern. Während sie dem Zug hinterherliefen, sah ich ihre Tränen. Ich erzitterte. Ich komme wieder, wollte ich ihnen sagen. Das war alles, was mir einfiel. Ich sagte nichts, rief nicht. Natürlich würde ich wiederkommen. Heulsusen – jahrelang bin ich praktisch nicht zuhause gewesen, und jetzt heult ihr, weil ich zwölf Monate weg sein werde. Das hätte ich ihnen sagen müssen. Das fiel mir eine Stunde später ein, als ich versuchte, ihren Schmerz zu überwinden. Eine Viertelstunde vor Mitternacht ging ich ins Bordrestaurant und kaufte eine Flasche Rum.
Als ich ins Abteil zurückkam, saßen dort zwei Typen. Ich stellte mich ihnen vor. Und sie sich mir. ”Sean und Samuel – Sam. Aus Irland.”
”An welchen schlimmen Ort fährst du denn?”, fragte Sam.
”Nicht schlimm. Ich muss zur Armee.”
”Wir haben gesehen, wie sie dich verabschiedet haben, mit Tränen.”
”Wo seid ihr eingestiegen?”
”In Thessaloniki.”
”Ich – in Skopje. Ich habe euch gar nicht bemerkt”, sagte ich.
”Du hattest auch Tränen in den Augen”, meinte Sean.
”Vom Trinken. Möchtet ihr Rum?”
”Was anderes gibt’s nicht, oder?”
”Nee, Kumpel, und ich weiß nicht einmal, wann es wieder was gibt.”
”Dann wollen wir auf dich trinken!”, schlug Sam vor.
”Erst in zehn Minuten”, sagte ich.
”Warum?”, fragten sie.
”Weil ich dann Geburtstag habe.”
Zehn Minuten tranken wir schweigend, dann begannen wir anzustoßen. Wir exten. Mit Küchenrum. Dem billigsten Alk aus dem Bordrestaurant.
Ich erfuhr alles über sie, ich fand sie sympathisch. Sie waren in Griechenland gewesen, hinter irgendwelchen Frauen her. Die Ausbeute war mager – gerade mal eine pro Tag. Zum größten Teil Engländerinnen.
”Von der Quantität her war’s eben Scheiße, Kumpel, aber schöne Titten hatten sie”, meinte Sam.
”Engländerinnen sind süß, weißt du,” sagte mir Sean.
”Keine Ahnung. Noch nie probiert.”
”Seit einem oder zwei Jahrhunderten verwalken uns die Engländer den Hintern, weißt du. So ist es doch ein Vergnügen, gelegentlich ihre Frauen durchzuwalken”, witzelte Sam.
”Wohl schon seit mehr als ein oder zwei Jahrhunderten ...”, sagte ich.
”Ist nur so eine Redewendung, Kumpel, nur so eine Redewendung”, erklärte Sean.
Wir feierten durch bis Belgrad. Die Flasche leerte sich und wir sanken in den Schlaf der Gerechten. Sie tranken gut, die Iren, hielten sich wacker. So begingen wir meinen zwanzigsten Geburtstag.
175.
Ozana kam mir entgegengerannt und umarmte mich stürmisch, verkatert wie ich war. Sie hatte ein Tuch in den langen blonden Haaren, trug eine breite Tunika, Lennon-Sonnenbrille, Schlaghosen und Plateauschuhe. Und einen Haufen Halsschmuck. Größtenteils Geflochtenes.
”Siehst du? Ich habe dich erkannt.”
”Komisch.”
”Gar nicht. Du kennst doch die Geschichte über das Fenster der Seele, oder?”
”Wie ist denn meine Seele?”
”Ruhig. Friedlich. Wie ... goldener Staub ...”
Hast du den Schlüssel zu mir gefunden, um mich von innen zu öffnen, zu erlösen, dachte ich.
”Wie ist das mit dem Staub?”
”Er wirbelt ... Wie kühler Weißwein an einem Sommernachmittag.”
”Komm, gehen wir trinken. Ich habe Geld zusammengekratzt, das können wir heute verbraten.”
Zuerst tranken wir Rotwein. Dann Kognak. Danach aßen wir fettiges Fleisch. Wir kreuzten im Zickzack durch Zagreb, aber irgendwie zog es mich immer zum Ban-Jela?i?-Platz zurück. Das war für mich das Herzstück der Stadt, hier fühlte ich mich wie zu Hause. Vor der Kaserne hatte ich Schiss.
Sie umarmte mich, küsste mich, lachte und strahlte. O meine Ozana, wie viel Kraft brauchst du dafür, dachte ich, und folgte ihr. Sie zeigte mir billige Kneipen, nette Billardsäle, unansehnliche, aber gute Esslokale. Falls du mal Ausgang hast und ohne mich unterwegs bist, sagte sie mir, weißt du, wo du hingehen kannst. Wenn du in Uniform bist, wird man dich nicht so mögen wie jetzt, aber du wirst schon klarkommen.
176.
Wir saßen in einem jener unansehnlichen, aber guten Lokale und aßen noch einmal. Dabei erzählte ich ihr von Mirta.
”Möchtest du, dass wir sie besuchen?”, fragte sie.
”Ich weiß nicht ...”
”Komm, wir trinken diese Flasche aus und gehen hin”, entschied sie.
”Das ist sowieso unsere letzte. Ich habe keinen Scheißdinar mehr.”
”Es ist nicht gut, ohne Geld in die Kaserne zu gehen, habe ich gehört. Vielleicht wirst du dort etwas kaufen müssen.”
”Lass nur, ich komme schon zurecht.”
Wir schlangen das Essen hinunter, tranken den Wein aus und brachen in Richtung Siget auf.
Sie waren völlig entsetzt, als wir vor ihrer Tür standen, und wussten nicht, was sie zuerst tun sollten – mich umarmen oder sich mit Ozana bekannt machen. All das schrieben die üblichen Verhaltensnormen vor. Aber Ozana und ich waren keine üblichen Erscheinungen, und das warf sie aus der Bahn. Nein, Mirta war nicht zu Hause. Tanja auch nicht. Wir saßen also bei den Eltern herum und laberten über Literatur. Als würden sie sich dafür interessieren. Sie konnten es kaum erwarten, dass wir wieder gingen.
177.
”Noch zwei Stunden bis Mitternacht”, sagte Ozana. ”Wie lange hast du noch?”
”So lange.”
”Was machen wir jetzt?”
”In ein letztes Café gehen, wenn wir Geld hätten.”
”Haben wir doch ...”
”Waaas?”
”Mirtas Mutter findet, dass man Soldaten unterstützen muss ...”
”Willst du mich verarschen?”
”Sie hat mir drei Hunderter gegeben, als Mirtas Vater dir zum letzten Mal einschenkte. Die wirst du gut gebrauchen können.”
”Vielleicht sind sie gar keine solchen Klugscheißer, wie ich dachte.”
”Quatsch, das sind echt nette Leute! Du kommst unangemeldet zu ihnen, mit deiner Freundin, die nicht ihre Tochter ist, sagst ihnen, du musst zur Armee, betätschelst mich zwischendurch, und sie gießen dir ständig ein und geben dir obendrein auch noch Geld. Also, echt ... richtige Klugscheißer, oder?”
”Schon gut, sie sind keine. Ich kann mir bloß nicht erklären, warum sie mich so mögen.”
”Weil du bist, wie du bist. Sie wissen, dass du sie nicht ausstehen kannst, aber du bist auch so anständig wie nötig.”
”Toll, jetzt werde ich selbst zum Klugscheißer ...”
”Nein, mein Lieber, ein Klugscheißer bist du, seit ich dich kenne. Und so mag ich dich!”
Zwei Stunden vorm Betreten der Kaserne – was sollte man da noch anfangen? Wenig Zeit, gerade genug für Küsse und Zärtlichkeiten.
178.
Ich stand vor dem großen Metalltor. Klopfte. Zuerst langsam, dann so, wie ich mir vorstellte, dass ein Soldat klopfen würde.
”Was gibt’s?,” sagte der Soldat von der anderen Seite des Tors.
”Ich bin einberufen worden”, antwortete ich.
”Lass mal sehen.”
Er nahm den Bescheid, lächelte.
”Um fünf vor zwölf meldest du dich, ja?”
”Ja.”
”Also dann, herein mit dir.”
Ich drehte mich zur Stadt herum. Ihre Lichter schwammen vor meinen Augen, als spiegele sich die Stadt in einem großen, dunklen Meer.
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