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Aus dem Bosnischen von Brigitte Döbert
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Im Haus geht wieder eine Tür. Und wieder kommen Schritte die Treppe herab. Die schwarze Spinne steht in der Garage, hält die Pistole schussbereit, nur die Augen sind zu sehen. Ledersohlen nähern sich, werden lauter. Sie passen sich dem Rhythmus des Atems an; es dröhnt, als käme ein Elefant. Wie viele Stufen hat die Treppe? Ein Schleier legt sich über meine Augen. Die Schritte werden dumpfer, ich lausche darauf und werde ein anderer Mensch, einer, der keinerlei Verpflichtungen hat. Ich sitze in einer Konditorei und trinke mit Geschäftsfreunden Kaffee. Durch das Glas hört man nicht, was wir reden. Kaffee und Saft, Zigaretten, ich sehe auf die Uhr. Einer zeigt mit dem Finger auf die Straße, auf das Ladenlokal gegenüber; es steht leer. Ich tippe die Nummer des Anwalts, der es verkauft, ins Handy und sehe wieder auf die Uhr. Vermutlich kenne ich den Anwalt, ist das nicht der mit der goldenen Krawatte? Aber das sage ich nicht laut. Die Glasscheiben der Konditorei sind blitzblank, man sieht sie kaum. Wir stehen auf, die Kellnerin kommt, ich übernehme die Rechnung. Keiner wehrt sich, darüber streiten wir uns nie. Während mir die Kellnerin das Wechselgeld hinzählt, betrachte ich die mächtigen Torten und Obstsalate, die in einem Kühlfach mit der Aufschrift „Gusto“ präsentiert werden. Das Blech voll böhmischer Schnitten muss eine echte Kalorienbombe sein. Wir verlassen das Lokal, umarmen uns zum Abschied. Während ich über die Straße gehe, schaue ich nach links und nach rechts. Viel Volk ist unterwegs, Autos brummen und hupen. Leute kommen aus Häusern, aus einigen jener erleuchteten Fenster in schwarzen Kästen. Manche Einwohner siehst du nie, und andere Gesichter wiederholen sich ständig. Ein Mädchen mit Glutaugen geht vorbei. Neben ihr ein Soldat. Mein Herz klopft im Schädel. Sie ist mit dem Soldat weggegangen, ein Slowene. Man hat sie den Alifakovac hinaufgehen sehen, sie trug Sachen in einer Plastiktüte und lachte. Sie gingen das Kopfsteinpflaster bergan und dann verlor sich ihre Spur. Sie kamen die Titova entlang, Richtung Bašcaršija …
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Er kommt in die Garage und schaltet das Licht ein.
»Was ist das … Wer bist … Wer sind Sie?«
»Papa?«
Er spricht wie ein Computer, ich höre ihn kaum.
»Brauchen Sie Geld … Was brauchen Sie, sagen Sie es ruhig … das Auto, hier sind die Schlüssel.«
Er will in die Tasche greifen, ich gehe einen Schritt auf ihn zu.
»Keine Bewegung, lass die Hand … Lass sie, hörst du?«
»Papa?«
Wir sehen uns an.
»Wer ist das?«
»Meine Tochter …«
»Papa, bist du unten?«
»Ja.«
»Still, antworte nicht.«
Er weint …
»Bring sie nicht um, bitte nicht, bring mich um, aber rühr sie nicht an, ich bitte dich … ach du lieber Gott …«
»Halt’s Maul, ich sag’s zum letzten Mal!«
Oben geht eine Tür, die Kinderstimme wird lauter.
»Papa, wann kommst du von der Arbeit heim?«
Er weint und steht wie versteinert.
»Hana, geh ins Haus … Geh hinein, Liebes, bitte geh …«
Die Stimme kommt die Treppe herunter.
»Ist was? Papa, sag mal, weinst du?!«
Ich drücke ab, schwanke vom Rückschlag. Ihn schleudert es gegen die Tür, sie schlägt durch den Aufprall zu, und der Körper stürzt zu Boden. Pulvergeruch und Qualm breiten sich aus. Blut strömt aus dem Loch in der Brust. Ich bin taub von dem Schuss, durch meinen Kopf sausen Aufzüge, aus der Ferne dringt ein Schrei und tritt durch den Mund ein …
»Papa!!!«
Es kratzt in meinem Hals. Ich stehe da und ziehe die Situation auf Festplatte. Jackie, meine Liebe, warte auf mich. Wart auf mich im Grab, allerliebste Jackie … Das Blut fließt jetzt wie Öl, es wird weniger. Die Treppe herunter kommt Geheul.
»Papa, Papachen … geht’s dir gut?«
Bring sie nicht um, ich bitte dich, bring mich um …
Das dünne Blutrinnsal schlängelt sich durch den Staub auf dem Boden und kommt vor meinen Füßen zum Stillstand. Joj, Jackie, guck her und schau dir die Kraft eines Mannes im gegebenen Augenblick an!
(Namik Kabil: Sam. Sarajevo/Zagreb: Naklada ZORO 2004, Seite 59 ff.)
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