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MILAN KLEČ

Milan Kleč, Jahrgang 1954, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Sloweniens, der sich besonders durch seine absolute Eigenständigkeit, fernab jeglicher Moden und Strömungen, auszeichnet. Er hat bisher acht Gedichtbände, zwanzig Prosabände, ein Kinderbuch, sechs Dramen, sechs Radiohörspiele für Kinder und zwei für Erwachsene veröffentlicht sowie ein Fernsehdrehbuch geschrieben. Seine Werke wurden bisher vor allem ins Bosnisch-Kroatisch-Serbische übersetzt, zwei seiner Kurzgeschichten auch ins Deutsche.

Preise

1980 Goldener Vogel

1982 Preis der Sieben Sekretäre SKOJ

1989 Župančić-Preis

2006 Preis der Prešeren-Stiftung für seinen Kurzgeschichtenband "Srčno dober človek in zvest prijatelj"

NACHSPANN

Aus dem Slovenischen von Ann Catrin Apstein-Müller

1.

Es war unglaublich bescheuert. Ich war überrascht, aber ehrlich, und schaute sofort wieder weg. Vor solchen Momenten graut mir immer. Ich war mir sicher gewesen, jetzt endlich Ruhe zu haben, und ich kann es verdammt noch mal nicht leiden, wenn mir dann irgendjemand oder irgendwas querkommt, und als ich so zwischen den Regalen mit den Computerspielen herumspazierte, fühlte ich mich völlig sicher, geschützt von allen Seiten sozusagen oder noch mehr als das, da konnte ich nun wirklich nicht ahnen, dass dort eine solche Überraschung auf mich wartete, aber wenn ich so zurückdenke, ist das eigentlich immer so gelaufen. Nicht, dass ich die Spiele kaufe, darüber könnte ich mich jetzt lang und breit auslassen, Stunde um Stunde wache ich über die Welt der Piraterie, darüber kann ich sogar dann reden, wenn mich jemand mitten in der Nacht weckt, und dann bin ich nicht mal sauer deswegen, allerdings könnte man mir einen Strick daraus drehen, dass ich nur Raubkopien habe. Ich habe halt nur solche, Ende der Diskussion, und trotzdem gehe ich sehr gern zwischen den Originalen spazieren. Nicht nur sehr gern, ich bin sogar süchtig danach, sodass keine Woche vergeht, in der ich nicht irgendeines der Einkaufszentren aufsuche, in denen ich mich, ganz und gar nicht nebenbei gesagt, sogar auserwählt fühle, Mitte der Woche werde ich schon richtig nervös, und schon stehe ich wieder in einem von ihnen und bin hin und weg wenn ich feststelle, wie gut mir die Originale in der Hand liegen, aber eigentlich wollte ich ja sagen, dass ich dort zwischen den Regalen über das Spiel No One Lives Forever stolperte, das auf den ersten Blick einfach in einer größeren Verpackung zu stecken schien. Kaum erwähne ich das, zittern mir auch schon die Knie. Das geschriebene Wort hat zweifellos auch eine Macht, und ich mache keine Witze darüber. In solchen Momenten kann ich das auch gar nicht, aber ich wollte eigentlich sagen, dass ich das Regal, in dem in einem bestimmten Geschäft das bewusste Spiel stand, auch mit verbundenen Augen gefunden hätte. Sie hätten es komplett durcheinanderbringen können, sie hätten die Abteilung ans ganz andere Ende des Ladens oder meinetwegen auch der Welt verlegen können, um nicht gleich zu sagen irgendwohin ins Blaue, ich hätte es gefunden. Hier fangen freilich die Probleme schon an. Sie fangen immer an, kaum dass man die Welt erwähnt. Wie auch immer, es war nichts falsch daran, etwas war einfach anders, sodass ich einen Schritt zurücktreten musste. Als handelte es sich um eine Reklamestrategie. Zwar ist der Titel schon alt, wenn ich mir das auszusprechen bei einem meiner allerliebsten Spiele, das nie veraltet, überhaupt erlauben kann, aber Händler sind eben Händler.
Ich hatte Recht. Ich hatte vollkommen Recht. Ich habe noch nicht erwähnt, dass ich bei dieser Gelegenheit mit meiner Freundin und ihrem Sohn im Laden weilte. Das Kind war gerade in dem Alter, in dem man sich entscheidet, ob man erwachsen wird. Ich werde mich jetzt aber nicht darüber auslassen, wie das bei ihm zum Ausdruck kam, und überhaupt hatte er großen Anteil an diesem Unternehmen meines Lebens, oder wie soll ich diesen ganzen Mist nennen, in den ich so ungewollt, vor allem aber unerwartet hineingerutscht war, dass ich mir erst jetzt all der Gefahren bewusst werde, die da lauerten. Der Junge hielt sich mit seiner Mutter in einer anderen Abteilung des Geschäfts auf. Ganz klar, schließlich teilte ja auch keiner meine Begeisterung für gewisse Dinge. Das wollte ich auch gar nicht, Hauptsache, sie gingen mir nicht allzu sehr auf die Nerven und ließen mir einfach meine Ruhe, dennoch wurde ich das Gefühl nie los, dass sie mich meiner Leidenschaft wegen ein wenig schief ansahen. Mich verstanden ja noch nicht einmal meine Freunde und ich hatte auch keine Lust, das großartig zu erklären, obwohl gerade bei Spielen alles möglich ist, selbst ich weiß nur einen Bruchteil davon, egal, vielleicht will ich auch nur das Verhalten meiner Freundin und ihres Sohnes rechtfertigen, die zwei hatten ja gewissermaßen am meisten mit mir zu tun. Wer weiß, was sich das pubertierende Bürschchen gedacht hat, als ich, so schnell ich konnte, kaum war ich aus dem Auto, in die Abteilung mit den Computerspielen gerast bin. Vielleicht werde ich es ihn eines Tages fragen, aber noch etwas ist mir gerade siedendheiß eingefallen. Wie werde ich das jetzt am schnellsten erklären, nämlich wie ich überhaupt zu einem Original dieses Spiels gekommen bin? Ja, ausnahmsweise bin ich stolzer Besitzer des Originals, aber nichts ist so unschuldig, wie es auf den ersten Blick aussieht. Nicht, dass ich das nicht gewusst hätte, überhaupt nicht, und wirklich hätte ich mich fast an das Regal in diesem Geschäft klammern müssen oder noch besser wäre es gewesen, hätte jemand einen Einkaufswagen gebracht, damit ich mich hineinsetze.
Das alles würde wohl nicht so unbemerkt vorübergehen, wie mir schien.
Ich war in einem Gartenlokal gesessen. Gut gelaunt, was ich gleich einmal klarstellen will. Der Frühling war im Aufsteigen begriffen. Auch in mir, darauf konnte ich mich noch immer verlassen, da klingelte mein Handy. Meine Freundin meldete sich bei mir. Sie grüßte mich aus London und wir plauderten ein wenig. Sie hielt sich dort mit ihrem Sohn auf, über den ich schon ein paar Worte verloren habe. Ich schließe daraus nicht, was weiß ich, ob das gut oder schlecht ist, aber lassen wir ihn in Ruhe, er mag mich wohl wirklich nicht.
Ok.
Gut gelaunt fragte mich meine Freundin, ob ich vielleicht einen Wunsch hätte und es stellte sich heraus, dass gerade Wünsche etwas Unglaubliches sein können. Wer weiß, woher das Folgende mich überkam, denn was habe ich mir gewünscht? Nichts besonderes, aber an so etwas hatte ich noch nie gedacht, beziehungsweise hatte ich gar nicht gewusst, dass es das überhaupt gab. Außer natürlich, ich hatte schon etwas Ähnliches gesehen, ich wünschte mir nämlich nur eine Unterlage für die Maus. Eine Unterlage eben, die man für die Computermaus braucht, damit es hier nicht zu unerwünschten Verwechslungen kommt. Natürlich wünschte ich mir nicht irgendeine. Völlig klar. Ich wünschte sie mir mit bestimmten Motiven oder wie soll ich diese Bildchen nennen, die sie zieren sollten, und von jenen wiederum ein ganz Bestimmtes. Und was für eins, ich war schon völlig aus dem Häuschen vor Freude. Ich war sogar sehr zufrieden, dass ich mich derart begeistern konnte und das wegen einer scheinbar sehr einfachen Sache, die in diesem Fall eben die Unterlage war, die ich bekommen sollte. Natürlich musste ich noch das Motiv nennen. Und was sollte das sonst sein als dieses überraschende Bildchen aus No One Lives Forever, wobei ich mich natürlich gleich korrigieren muss. Wirklich jedes ist überraschend und das muss ich unverzüglich klarstellen. Mein Wunsch fiel auf fruchtbaren Boden. Keine Sekunde hatte ich gedacht, dass es auf der anderen Seite zu so einer Empörung kommen könnte. Eine Unterlage für die Computermaus. Was für ein Geschenk ist denn das und dann noch ausgerechnet mit dem Motiv, mit dem ich so oder so bald die ganze Wohnung ausgestattet haben würde. Die Nachricht und mit ihr den Wunsch habe ich also übermittelt und jedem wird klar sein, dass ich vor lauter Erwartung ganz zittrig wurde. Aus diesem Gartenlokal habe ich mich dann bis zu ihrer Ankunft überhaupt nicht mehr wegbewegt. Ich weiß schon warum, und ich habe ja erwähnt, dass sie sich mit ihrem Sohn in London aufhielt, also war er bei jedem ihrer Schritte dabei und ich bezweifle sehr, dass sie ihm meinen Wunsch nicht anvertraut hat, dann mussten sie sozusagen gemeinsam diese verfluchte Unterlage für die Maus suchen, die für mich natürlich keine solche war. Ich hätte mich mit ihr sehr sicher gefühlt, und zwar durch und durch, ich muss mich nämlich mit solchen Dingen umgeben, damit mein Leben halbwegs erträglich ist. Und ich übertreibe nicht, wenigstens nicht in diesem Fall, und ich glaube, jetzt sollte ich etwas über ihre Ankunft sagen.
Das Geschenk habe ich bekommen, natürlich habe ich es bekommen, und ich muss gleich zu dem furchtbaren Missverständnis übergehen, das unsere Beziehung so auf den Hund gebracht hat. Wie aus meinen Worten bestimmt schon klar geworden ist, hat mir die Frau keine Unterlage für die Maus mit dem gewünschten Motiv mitgebracht, sondern das Spiel No One Lives Forever, und niemand soll denken, dass ich mich darüber gefreut habe. Mir war ganz anders zumute. Die verfluchte Frau hat mir in ihrem guten Willen, zu dem auch zählt, dass sie mich überhaupt mit einem Geschenk bedacht hat, kurz, sie hat mir gar nicht zugehört, was schon fast eine Frechheit ist, und stellen Sie jetzt bloß keine Überlegungen an, dass ein Spiel ja eine größere Aufmerksamkeit ist als irgendein Mousepad, das man schließlich an jeder Ecke bekommen kann, was natürlich absolut nicht stimmt.
Am besten unterbreche ich an dieser Stelle, weil ich mich sehr ungern an jenen Abend erinnere, an dem mir das Geschenk überreicht wurde. Natürlich habe ich keine Freude geheuchelt, nicht die Spur, all das habe ich ja auch schon, naja, ausführlich dargelegt, und natürlich war meine Freundin nicht einmal beleidigt, und es spricht schon für sich, dass sie auf diesem Wege zu einem ihrer liebsten Dinge gekommen ist, in diesem Fall ein Computerspiel, ein sehr bitterer Beigeschmack, und es ist offenbar noch nicht vorbei, deshalb werde ich jetzt wirklich wieder ins Einkaufszentrum zurückkehren, nach dem Erzählten ist ja wohl völlig klar, warum ich Mund und Augen aufgerissen habe, als ich in einem heimischen Geschäft auf dieses Spiel gestoßen bin, das habe ich so oder so schon hundertmal gesagt, aber ich korrigiere mich, um es so auch mit dem Folgenden zu machen, nämlich dass es im Set mit einem Mousepad angeboten wurde, und darauf war eins seiner Motive, was allerdings schon mehr als ein wahr gewordener Traum war. Aber jedem wird jetzt sofort ein anderes mögliches Hindernis in den Sinn kommen und bestimmt war ich deswegen so fertig. Ich war unvorbereitet, das heißt, ich hatte zu wenig Geld in der Tasche, was ich sofort nachprüfte. Natürlich sagte mir auch mein Gewissen, dass ich doch kein Spiel kaufen könne, das ich schon habe, und dass die Rechtfertigung, dass es nicht nur um das Spiel gehe, sondern dass da die heißersehnte Unterlage für die Maus dabeiliege, von der ich schon immer geträumt hatte, zu schwach sei. In mir brachen wahre Schlachten los, und ich war noch nicht einmal allein in diesem verfluchten Einkaufszentrum, was bedeutete, dass sich über kurz oder lang auch meine Freundin bei mir einfinden würde mit ihrem Sohn, der eben gerade inmitten meiner Aktivitäten aufgewachsen und damit nicht mehr zu retten war.
Ich war hin- und hergerissen, aber die größte Schwierigkeit war wirklich noch das fehlende Geld. Was hätte ich in dieser Hinsicht lügen können. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht darüber stolpere. Nein, ich werde versuchen, mich zurückzuhalten, denn anderenfalls wird es aus mir herausbrechen, und dann wird mich niemand mehr zurückhalten können. Und ich übertreibe wieder nicht. Es war eine unglaublich beengende Situation. Kurz, hätte ich die Mittel gehabt, ich hätte das Schmuckstück erstanden. Sofort und auf der Stelle, und schon am nächsten Tag hätte mich mein Gewissen geplagt, aber früher oder später hätte ich es ruhig gestellt. Die andere Möglichkeit war, mir etwas zu leihen, aber das konnte ich irgendwie nicht machen. Ich will ja nichts sagen, aber dazwischen war London gewesen, wir hatten uns heftig verkracht deswegen, besonders ich hatte ihr einiges zu verstehen gegeben, auch wenn es ihr ohnehin schon egal war, und noch eine Erniedrigung hätte ich nicht ertragen. Ich hätte mir auch von dem Bengel was leihen können, aber das hatte mir wirklich noch gefehlt. Und ich musste bei dem Spiel mit der Unterlage Wache halten. Das war mir klar, denn es wäre ein wenig unerfreulich gewesen, es jetzt einfach mal liegenzulassen und, sagen wir, den Kauf auf den nächsten Tag zu verschieben, und dann in den Laden zu kommen und das, was nur einmal im Leben im Regal steht, kurz, dass es schon verkauft wäre. Das durfte ich mir nicht erlauben, der Schmerz wäre zu groß gewesen, das alles zusammen hat mich, völlig klar, dazu ermuntert, mir das Geld tatsächlich zu leihen. Natürlich spielte auch mein Stolz eine Rolle. Sowas ist peinlich, aber es ging doch nur um eine winzige Summe. Vielleicht gerade deswegen, und sie hätte eigentlich schon kommen müssen. Schon lange sollte sie mit ihrem Sohn ihren Teil erledigt haben. Ich stand schon auf Zehenspitzen. Ich war unheimlich nervös, mit dem anderen Auge aber hielt ich Wache, denn was, wenn dann der dritte oder meinetwegen vierte Typ, der hier aufgetaucht wäre, mir das vor der Nase weggeschnappt hätte, was ich mir so gewünscht hatte, etwas derartiges wäre, kurz gesagt, meiner bescheidenen Meinung nach ausgesprochen schwer zu ertragen gewesen, mit all dem will ich aber eigentlich nur klar machen, was mir durch den erhitzten Kopf raste und womit ich mir die Zeit vertrieb, während ich darauf wartete, irgendwo in der Ferne meine Freundin und ihren Sohn zu erspähen. Bald verlor ich die Geduld und lief kopflos in die Richtung, wo sie hätten sein sollen, aber da waren sie nicht. Ein Vorsatz verfestigte sich in mir: Diese Frau würde ich um nichts mehr bitten. Als ich sie nicht fand, sicher suchten die beiden auch mich, wir hatten uns einfach verfehlt, ging ich in Richtung Kasse, wo ich sie schließlich erwischte. Die Frau sah mich nur an. Wir redeten auch nicht miteinander, deshalb weiß ich nicht einmal, ob sie spürte, dass mit mir etwas geschehen war. Aber schließlich hätte das auch nichts geändert. Wir standen schon in der Schlange. Ich war ruhig und überhaupt werde ich nichts mehr über die Beziehung sagen, von der ich wenigstens in dem Moment überzeugt war, dass sie nun endgültig im Eimer war. Ich schlüpfte an der Kasse vorbei zum Ausgang. Ich half nicht einmal, den Einkaufswagen zu leeren. Was kümmerten mich Brot und Milch, obwohl das natürlich nicht alles war. Ich glaube, dass es nicht einmal einen winzigen Aufschrei gegeben hätte, wenn ich überhaupt nicht dagewesen wäre. Auch wenn ich mich auf dem Weg zum Auto in Luft aufgelöst hätte, ich bezweifle, dass meine Freundin es überhaupt bemerkt hätte. Ich erinnerte mich an noch etwas, das war auf einer Reise gewesen, wenn ich mich nicht irre. Ist auch völlig unwichtig. Es hätte ein paar Straßen weiter sein können. Wir machten ein paar Witze oder so, und es ging darum, dass ich genau in diesem Augenblick sterben würde, aber ich wurde gleich wieder lebendig. Meine Freundin sagte, dass sie weitergehen würde, dass sie sich nicht einmal umdrehen würde, und damals wusste ich verdammt gut, was sie damit meinte, dann habe ich es vergessen, wie gesagt, in diesen Augenblicken aber, als wir nacheinander zum Auto gingen, erinnerte ich mich, und noch mehr als damals, als es zum ersten Mal passierte, wurde es mir bewusst. Wir waren wirklich weit gekommen auf unseren Spaziergängen, aber es war, wie es war, was natürlich keine sehr erbauliche Feststellung ist. Wir fuhren schon in Richtung Stadt. Wenn mir diese Unterlage für die Maus entginge, ich war überzeugt, dann wäre es um mich geschehen. Die Frau müsste anhalten und, so tot wie ich dann wäre, hätten sie und das Kind die Gelegenheit, und zwar die einmalige, mich aus dem Auto zu werfen, aber ich verließ es rechtzeitig und dann war ich wirklich allein. Es war ja nicht das erste Mal.
Ich würde etwas mit diesem verfluchten Leben machen müssen, es war nicht gerade der geeignete Moment für diese Eröffnung, aber so fühlte ich mich. Das ist alles, was ich dazu sagen will. Was aber die Kostbarkeit betrifft, nein, die habe ich durchaus nicht vergessen. Wie blödsinnig dir bestimmte Dinge in bestimmten Momenten erscheinen, was keine besondere Feststellung ist, aber gerade deswegen noch viel schlimmer. Wie blödsinnig dir erst Computerspielchen erscheinen, was sich nur steigern lässt. Wie blödsinnig dir erst das Spielen von Computerspielen erscheint, und wie verhext bleibt es nicht einmal dabei, denn wie blödsinnig erscheint dir erst das Kaufen einer Unterlage für die Computermaus, auf der das Motiv deines Lieblingsspiels ist, und natürlich folgte eine meiner fürchterlichsten Nächte, die ich nicht wiederholen möchte. Es würde mir nicht im Traum einfallen, weil dieses Graben nach sich selbst unwürdig ist, aber ich habe überlebt.
Ich muss auch erzählen, warum ich nicht gleich zurück ins Geschäft gegangen bin. Deshalb, weil es dann ohnehin schon geschlossen gewesen wäre, aber ich war am nächsten Tag der Erste vor der Tür. Ich glaube, das hätte ich nicht extra erwähnen müssen. Schon am Abend zuvor habe ich den Bankautomaten in die Mangel genommen, damit er mir dieses bisschen benötigte Geld ausspuckt. Und dann der Marsch zum Einkaufszentrum. Als ginge es um Leben und Tod. An dieser Stelle kann ich es natürlich sagen: Es ging um Leben und Tod. Ich habe in meinem Leben noch nie jemanden verarscht, obwohl ich einen gegenteiligen Eindruck gemacht haben muss, deshalb fiele es mir auch nicht im Traum ein, das in solchen Momenten zu tun. Ich war der Erste in der Reihe, was natürlich nichts Ungewöhnliches war, da ich ja schon eine Stunde vorher vor der Tür des Geschäfts gestanden hatte. Ich weiß nicht so recht, ob ich es zugeben soll. Mit diesen Gedanken habe ich mich herumgeschlagen und in Wirklichkeit habe ich gelogen, als ich Andeutungen über die durchlittene Nacht gemacht habe. Ich habe sie zwar durchlitten, aber sie war noch fürchterlicher, als ich behauptet habe, und sie hatte sich vor den Türen des Einkaufszentrums abgespielt.

2.

Und das waren schlimme Stunden, ich werde sie eher stichpunktartig wiedergeben, soweit es mir eben für die Fortsetzung notwendig erscheint, und sowieso ist es ja nicht schwer, sich einen solchen Menschen vorzustellen – falls ich natürlich überhaupt noch einer war – der in einem Industriegebiet, sich selbst überlassen, darauf wartet, dass sie ein bestimmtes Geschäft aufsperren. Es war wirklich schlimm. Passenderweise war das Wetter unerträglich, gerade so, dass einem das eigene Elend bis ins Detail deutlich wird. Zunächst einmal wurde ich völlig durchnässt. Alles lief an mir herunter. Und das in Bächen und nicht einmal nur der Regen, sondern auch der Schweiß, der nur so tropfte. Ich fühlte mich wie ein kleiner Dieb, und kaum hatte ich das gedacht, lag ich auch schon auf der Lauer. Und man hätte mich ja wirklich mit einem bösen Verbrecher verwechseln können, der etwas im Schilde führte. Daran hatte ich bislang nicht gedacht, aber bestimmt ist es sogar in der Stadt ungewöhnlich, wenn man sich mitten in der Nacht vor ein Geschäft stellt und auf den Morgen wartet, damit es schließlich öffnet. Ich war so ungeduldig. „Und was, wenn am nächsten Tag Feiertag ist?“, fragte ich mich zum Beispiel und nagte an meiner Unterlippe. Ziemlich wahrscheinlich war einer, denn die Schlangen am vergangenen Abend im Einkaufszentrum waren wirklich unzumutbar und mit nichts zu vergleichen gewesen. Schrecklich, das hätte mir noch gefehlt, aber wirklich, dass ein Feiertag wäre, aber wie sollte ich das überprüfen?
Das Telefon hatte ich natürlich prompt zu Hause gelassen. Schon ein paar Tage hatte ich mich nicht darum gekümmert, was sich als Fehler erwies. Was hatte ich denn auch für eins, ich meine, was für ein Telefon. Schließlich hatte ich es bekommen, um mir die Zeit zu verkürzen, und nicht nur das. Um sie auf angenehme Weise totzuschlagen. Jetzt habe ich schon wieder Probleme, mich zu konzentrieren. Genau so werde ich es nennen. Es ist ein Spielgerät, mit dem man auch telefonieren kann. Ein bisschen umgekehrt, aber das ist gehupft wie gesprungen. Ein Nokia N-gage eben. Schon als sie es angekündigt haben, bin ich ganz unruhig geworden. So süchtig bin ich nach Spielen. Man kann es auch so formulieren: Ich habe die Entwicklung des Gerätes verfolgt, bis es schließlich vor kurzem das Licht der Welt erblickt hat. Was für eine Vorfreude das war, und nicht, dass ich dann mit dem Endprodukt unzufrieden gewesen wäre. Überhaupt nicht, aber die Wirklichkeit ist doch noch etwas anderes. Ich war nicht immer so gut gelaunt, dass ich es mit mir herumtrug. Deshalb hatte ich es offenbar zu Hause gelassen, aber jetzt hätte ich es verdammt gut gebrauchen können. Ich hatte ein paar Spiele draufgeladen. Und wie hätte ich sie gespielt, aber natürlich gab es auch hier wieder Bedenken. Denn auch zum Spielen der Spiele musste ich gut gelaunt sein, anderenfalls war es halt einfach nichts mit ihnen, was besonders in letzter Zeit deutlich geworden war, sodass ich schon begonnen hatte, mir ernsthaft Sorgen zu machen. In solch ausgezeichneter Stimmung war ich immer häufiger nicht gewesen und ich bezweifelte, dass ich es an diesem Abend war, in dieser Nacht, von der es schien, als endete sie nie in einem Morgen. Ich stellte ernsthaft Berechnungen an. Mit diesem Telefon müsste etwas geschehen. Es könnte wirklich ein brutales Ende erleben. Tief in mir drin entschied ich mich, mit all den verfluchten Dingen zu brechen, mit denen ich mich umgeben hatte. Und das Punkt für Punkt von Beginn der Liste an, die nicht gerade kurz ist, bis zu ihrem Ende.
Ich fühlte mich immer einsamer. Aber mein Warten hatte ja erst begonnen. Ich konnte doch nicht immer weiter auf die Uhr schauen. Auf was hatte ich mich da bloß eingelassen, und warum musste ich mich zusätzlich noch so all dem aussetzen? Warum suchte ich nicht irgendein Nachtlokal auf und hielt dort so lange aus, wenn ich schon nicht zu Hause sein konnte? Ich hatte gerade noch den letzten Bus erwischt, der mich in diesem beschissenen Industrieviertel abgesetzt hatte. Warum forderte ich mich selbst so heraus? Was für ein verfluchter Mensch bin ich? Was für eine Sturheit war das und wozu war sie gut? Ich hätte mich immer noch auf den Heimweg machen können. Ich hätte nur bis zur Hauptstraße gehen müssen und dort wäre ich schon einem Taxi begegnet. Es war wirklich erniedrigend, wie ich mich selbst fertigmachte. Weiß Gott. Warum quälte ich mich so? Nicht einmal die Ausrede war noch etwas wert, dass ich nichts dem Zufall überlassen durfte, dass ich, sagen wir, morgen auftauchte und die Schlange könnte schon so lang sein, dass ich nicht an die Ware käme. Es war eben nur ein Spiel mit Unterlage da und als mir das wieder einfiel, war ich schon wieder motivierter. So schlimm war es, und wäre kein Thema gewesen, hätten sie sich im Regal gestapelt. Dann wäre der Fall völlig anders gelegen, aber es war ein einziges, mutterseelenallein.
Tief in mir drin wusste ich, Scheiße, wie habe ich das jetzt schon wieder gesagt, tief in mir, aber es ist nicht wichtig, das jetzt zu korrigieren, wie auch immer, ich war überzeugt, dass dieses Spiel mit der Unterlage, es ist besser, wenn ich nur noch über die Unterlage spreche, also, dass niemand sie kaufen würde.
Oder hatte ich mich einfach geirrt?
Es schien mir nämlich so, als sei nur ich in der Lage, so zu übertreiben, und auf einmal sah ich ein Auto, das sich durch den Regen kämpfte. Ich weiß nicht, was in mich gefahren war, aber ich versteckte mich. Bestimmt wollte ich unbemerkt bleiben, mir war nun wirklich nicht nach Unterhaltung. Es war nicht die richtige Uhrzeit, könnte man auch sagen, aber ich war nicht zu Scherzen aufgelegt. Auch die in dem Auto waren es nicht. Offenbar hatte ich sie zu spät bemerkt. Ich meine natürlich die Wachleute. Und das grenzte schon an eine Katastrophe. Ich zwängte mich unter eine Treppe, die ins Geschäft führte, und als mich die Scheinwerfer des Autos erfassten, war ich erwischt. Ich saß wirklich voll in der Scheiße. Verdammt, ich hätte ein Lächeln aufsetzen müssen oder so was, und ich weiß nicht, was mich nun schon wieder ritt, aber ich drängte mich immer weiter unter die Treppe. Ich hätte mich ergeben müssen. Was für ein bescheuerter Gedanke. Warum?! Ich hatte doch nichts getan. Nein, es war wirklich nicht gut. Langsam kamen sie näher.
„Was ist mit Ihnen?!“, hörte ich.
Etwas anderes war ja auch nicht zu erwarten gewesen, ich jedoch schwieg, aber nicht, dass ich nun auch noch so tat, als hätten sie mich nicht bemerkt. Sie waren zu zweit. Ich hörte, dass sie miteinander redeten. Es wurde immer unangenehmer, aber ich war machtlos.
„Hallo!“, folgte wieder eine lautere Stimme.
Welch eine Erniedrigung, was vielleicht nicht das richtige Wort ist, weit von der Wahrheit ist es aber auch nicht. Wieder folgte ein Flüstern zwischen den beiden, und dann sah ich nach einigen Augenblicken direkt in den grellen Lichtstrahl einer Lampe. Welch eine Schande, welch eine unbeschreibliche Schande, und wäre ich wenigstens dann aufgestanden und schließlich in lautes Gelächter ausgebrochen, aber ich war sehr weit davon entfernt.
„Na wird’s bald, der Herr!“ hörte ich wieder.
Sie ließen nicht locker, sage ich mal, und noch etwas bereute ich. Und das wirklich, aber ich hatte keine Möglichkeit, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, und das war, dass ich nicht betrunken war.
„Letzte Aufforderung!“
Ich fühlte Hände auf mir. Einer nahm mich bei den Ohren und zog mich hervor.
Wieder einmal eine nette Abendvorstellung, könnte man sagen. Sogar eine der schönsten.
„Was machen Sie hier?“
Eine einfache Frage, aber ich hatte ja auch nichts Komplizierteres erwartet, und genau deswegen entschlüpfte mir auch eine einfache Antwort, die sich aber dem Wachmann bestimmt kompliziert darstellte.
„Ich warte darauf, dass das Geschäft aufmacht!“
„Um zwei Uhr morgens wartet er, dass das Geschäft aufmacht.“
„Hast du sowas schon mal gehört?“
„Nein, ich habe sowas noch nie gehört!“
„Ich noch weniger!“
„Und was werden Sie dann in dem Geschäft kaufen?“ Es fehlte nur wenig, und ich hätte angefangen, lang und breit über die Komplikationen mit der Unterlage für die Computermaus zu sprechen, über mein hingebungsvolles, wenn nicht schon allerhingebungsvollstes Spielen von Computerspielen, über die Probleme mit der Frau und ihrem Kind, und wenn ich angefangen hätte, hätte ich ganz angenehm darüber plaudern und damit wieder einige Stunden totschlagen können, bis das Geschäft völlig friedlich öffnete, aber auf einmal schrie ich auf.
„Scheiße, werden Sie mich wohl loslassen!“
Plötzlich war ich frei, und ich hatte nicht gedacht, dass ich in dem Moment so überzeugend geworden war. Und was war mit meiner Freiheit? Freiheit ist dazu da, dass man sie ausnutzt. Ich weiß nicht wie, aber auf einmal war ich auch am Laufen. Ich würde nicht sagen, dass ich floh. Ich lief einfach. Ich wusste nur eines: Ich durfte nicht zulassen, dass sie mich erwischten, und was hätte ich darum gegeben, in Sicherheit zu sein und genau so eine Verfolgungsjagd durch ein Industriegebiet beobachten zu können, dessen Hallen auf einmal trotz tiefster Nacht nicht mehr verlassen dalagen. Auch die beiden anderen ließen sich nicht unterkriegen, und die Frage war nur, wer mehr davon hätte, wenn es zwischen uns zu einer erneuten Begegnung käme. Ich hätte natürlich alles gegeben, um das zu verhindern und Scheiße noch mal. Ich war schnell. Verflucht schnell, ich fand mich auf der Hauptstraße wieder, wo schon einiges Leben war. Ich meine damit Autos, die ein wenig ins Stocken gerieten, als sie einen Fünfzigjährigen in Höchstgeschwindigkeit sahen, auf meinen Fersen zwei Jünglinge, die in keiner Hinsicht hinter mir zurückbleiben durften. Und wie endete diese Jagd, oder was immer das war? Im ersten Moment war ich noch begeistert, aber das hielt nur so lange an, bis ich wieder Luft bekam. Ich kam vom Regen in die Traufe. Das sagt sich so einfach. Ich hatte nicht gedacht, dass ich das auch einmal am eigenen Leib erfahren würde, was sich dann ereignete. Von Weitem sah ich ein Polizeiauto. Eigentlich hätte ich das anders sagen müssen: Als ich mich ihm so mit schnellen Schritten näherte, stellte ich fest, dass ich auf einen Streifenwagen zulief. Ich hatte nie gedacht, dass mir die Polizei mal den Arsch retten könnte und ich übertreibe nicht, weil ich es wirklich so empfunden habe, und es war, als hätten sie schon von Weitem meine Gedanken gelesen, ich sah nämlich, dass sie die Tür ihres Wagens öffneten. Ich meine die Letztgenannten. „Hilfe!“, brach es aus mir heraus und störte die bestimmt völlig ruhige Nacht. Inzwischen hatte es auch noch zu regnen aufgehört. Natürlich rief ich das selbst, und außerdem gab mir gerade dieses Flehen zusätzliche Kraft, und ich konnte aus mir auch noch die letzten Atome herauspressen, sodass ich, als ich nur noch einen Katzensprung von der offenen Tür weg war, sogar für einen Moment anhalten und hauchen konnte:
„Danke.“
Ich konnte noch beobachten, wie mir die beiden Polizisten zunickten, als ich dann aber drin war, schloss sich die Tür hinter mir und Scheiße. Ich war wirklich in Sicherheit, will sagen, dass ich mich auch sicher fühlte, was mir in diesem Leben äußerst selten passiert und dem ich nur noch hinzufügen kann, dass es ganz und gar kein schlechtes Gefühl ist. Und vor dem Streifenwagen waren offenbar die beiden Wachleute stehen geblieben. Ich war ihnen entkommen und sie waren so einsichtig, dass sie sich allem Anschein nach ein wenig zur Seite bewegten, allerdings habe ich ihr Gespräch nicht gehört, deshalb kann ich dazu nicht mehr sagen. Wie schnell dann der Streifenwagen losfuhr. Obwohl ich saß, hatte ich Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Wieder umgaben mich Erinnerungen, aber wenigstens in diesem Moment würde ich mich nicht damit herumplagen. Schließlich musste ich mich auch noch vor der Polizei retten, was aber meist nicht so einfach ist. Letztendlich bereue ich aber nichts. Gut, eine Sache vielleicht, dass ich vor den Wachleuten geflohen bin. Die Fahrt war nicht so kurz, wie ich sie jetzt hier skizziere. Wir hatten die Hauptstraße offenbar verlassen, wenn da natürlich überhaupt irgendwo eine war. Ich rede von den dunklen Gedanken, die in mir zu kreisen begannen. Ich hatte Recht. Das Auto begann hin- und herzuschlingern und was soll ich anderes sagen, als: Sie setzten mich mitten im Wald ab. Als wir uns mit Flüchen voneinander verabschiedet hatten, begann ich mit den Händen in der Erde zu graben. Mit meinen eigenen Händen war ich bereit mir ein Grab zu schaufeln, davon rede ich. Ich war so angeschlagen, was nach all dem, was ich berichtet habe, bestimmt mehr als verständlich ist. Ich erinnerte mich wieder daran, was mich in diese Lage gebracht hatte. Ich würde von der Erdoberfläche verschwinden, ich wusste ja, dass sich nach einem ungeschriebenen Gesetz die Verwicklungen fortsetzen würden, und darauf konnte ich nun wirklich verzichten. Lassen wir die Einzelheiten beiseite, bestimmt wird sich irgendeine ohnehin ungewollt hineindrängen, irgendwie habe ich den Weg in die Vorstadt gefunden. Als ich über die letzte Wiese lief, winkte ich sogar einem Taxifahrer, der auf mich wartete. Die Tür öffnete sich ähnlich wie die des Streifenwagens. Schließlich hingen sie ja irgendwie zusammen. Als ich mich setzen wollte, hielt er mich jedoch auf.
„Verflucht!“
„Bitte!?“
„So können Sie nicht ins Auto!“; merkte er an und streckte mir etwas entgegen. Das, was er in der Hand hielt, erkannte ich bald, zunächst einmal aber erkannte ich mich selbst, ich meine, ich sah mich an. So ein Morgen kann wirklich hart sein. Ich war völlig verdreckt, also hätte ich dankbar sein können, dass er überhaupt so freundlich war und bereit, mich zu fahren. In meinem Zustand war ich wirklich nicht salonfähig, auch schien es mir, als hätte ich mit ihm noch eine Rechnung offen, und das, was er mir entgegenhielt, war eine Plastikfolie. Nicht, dass ich besonders darüber nachgedacht hätte, und bald landete sie in meinen Händen. Und ich konnte mit ihr umgehen oder wie soll ich das ausdrücken, und natürlich wurde mit dieser Erinnerung noch etwas ausgelöst. Kein Wunder, dass ich in nüchternen Phasen Taxis mied. Ich verstummte völlig, was aber noch nicht bedeutet, dass ich nicht inzwischen die Plastikfolie über den Vordersitz des Autos gelegt hätte. Ich hätte sie auch auf den Rücksitz legen können, ein Gedanke, der mich nur säuerlich lächeln ließ. Natürlich wusste ich, dass ich dem Taxifahrer nicht unbekannt war. Im Gegenteil. Die Frage war nur, wieviel ich ihm schuldete. Insgeheim sah ich ihn an. Nein, ich erinnerte mich nicht an ihn, womit bestimmt schon viel gesagt ist. Zunächst aber fuhr er an.
Mit hängendem Kopf gebe ich zu, dass ich auf der Plastikfolie saß, die ich zuvor mit aller bereits erworbenen Erfahrung platziert hatte und es war unmöglich, ihm auch ein noch so verstecktes Eckchen seines Autos zu verschmutzen. „Werden wir jetzt endlich die Rechnung begleichen?“, sagte er ruhig.
„Natürlich. Wieviel ist es?“
„Tja, in ihrem Lokal haben Sie den Wunsch geäußert, sich in den Bleder See auszukotzen. Und zurück!“ Vielleicht war es wirklich besser, wenn ich zu trinken aufhörte. Vielleicht hatte ich ja richtig gehandelt, aber wenn ich mich selbst nur mit einem Blick streifte, dann konnte ich sofort wieder feststellen, dass ich keinen echten Fortschritt gemacht hatte. Und die Summe, die er mir nannte, läuterte mich. Ich würde sie weiter schuldig bleiben und es war nicht nur das. Ich hätte wieder kein Geld für die Mausunterlage übrig, was schon die nächste Scheiße war. Ich weiß nicht, was ich dem noch hinzufügen soll. Letzteres traf natürlich ein. Er fuhr mich sogar zum Bankautomaten, aber es war noch nicht genug. Wir kratzten das letzte Geld zusammen. Nicht, dass die Rechnung so saftig gewesen wäre, das Problem ergab sich aus meinem chronischen Geldmangel. Es vergeht keine Stunde, ich könnte sie direkt zählen, ohne dass ich daran denke und natürlich muss ich gleich feststellen, dass ich solche Überlegungen schon seit rund dreißig Jahren anstelle, also wie oft ich an Geld denke, wäre schwer auszurechnen, und ich muss leider sagen, dass ich in diesen langen Jahren noch nichts auf die Reihe gebracht habe. Schöne Sache, und es ist Zeit, dass ich den Taxifahrer grüße. Natürlich hat er mich dann vor meinen Wohnblock gefahren, natürlich ist es vollkommen klar, dass ich ihm meine Adresse nicht geben musste, und natürlich hat er mich nicht übertrieben gequält oder sich gar aufgeregt wegen des Geldes. Er verlor kein Wort im Gegensatz zu mir, könnte man sagen, ich aber musste immer öfter an einen Freund von mir denken, besonders, als ich mich schon zum zweiten Mal von der Plastikfolie erhob. Zuerst beim Bankautomaten, wo mir der Taxifahrer noch anbot, das zu erledigen, nach Hause aber konnte er nicht an meiner Stelle, obwohl ich genau daran dachte. Oder tat ich das zu spät?
Jedenfalls schämte ich mich offensichtlich, denn wenn ich mich nicht geschämt hätte, und ich hätte wieder einmal über Geld reden müssen, ich will sagen, ich hätte ihn ins Einkaufszentrum schicken können. Taxifahrer sind natürlich zu allem bereit, was jedoch die Plastikfolie betrifft, das werde ich auch sofort erklären. Meine Gedanken wanderten wirklich immer öfter zu einem Freund, durch den ich den Taxifahrer überhaupt kannte und das ist richtig interessant. Wenn der Freund in einer Saufphase war, haben wir ihn recht häufig Polyvinyl genannt. Natürlich ganz freundlich, ein Spitzname eben, ein Kosename, und ausgedacht hatte ihn sich sein älterer Freund, der alte Meister, wortwörtlich, dem der Freund regelmäßig ins Auto gepinkelt hatte. Ich meine, er machte natürlich in die Hose, das Problem wurde mit einer Plastikfolie gelöst, weil aber der Meister nicht der Einzige war, der ihn nach Hause fuhr, machte die Überlegung die Runde, dass alle Freunde und offenbar auch die Taxifahrer eine solche als verpflichtendes Teil der Autoausrüstung mit sich führen sollten. Oder hatte sich sogar die Frau des Meisters diesen Spitznamen ausgedacht, die leider schon verstorben ist, wie ich gehört habe. Ich bin wirklich nicht sicher, aber es genügte, um mich an die alte Stammtischrunde zu erinnern. Wie verhext hatte ich mich von allem entfernt. An die Freunde erinnerte ich mich kaum noch, ich sah niemanden mehr von ihnen, und der Schlamm an mir war inzwischen schon hart geworden. Es war mir wieder nicht gelungen, mich unsichtbar zu machen, und es überraschte mich nicht einmal, dass der Aufzug defekt war, also war der Weg in mein Stockwerk wirklich abwechslungsreich. So viele Nachbarn hatte ich bisher natürlich noch nicht getroffen und ich wusste nicht einmal, dass so viele in einem Hochhaus leben konnten, aber was soll ich mit dieser Erkenntnis anfangen.
Ich schloss die Tür hinter mir, und natürlich dachte ich durchgehend intensiv über das Einkaufszentrum nach. Ich musste einen Plan machen, sonst hätte es mich zerrissen. Ich war fest entschlossen, mich zwischen seine Regale zu begeben, ungeachtet dieser Schutzpolizisten oder was sie waren, mit denen das Fiasko begonnen hatte, die einzige Schwierigkeit war, so früh am Tag zu Geld zu kommen.
Ich sah, dass ich einen unbeantworteten Anruf erhalten hatte.
„Torso.“
„Ausgezeichnet“, seufzte ich.
Ich weiß nicht, ob ich mich von selbst an ihn erinnert hätte, und als ich darüber nachdachte, wen ich überhaupt anrufen konnte, um mir Geld zu leihen, wurde mir schon wieder bange. Und nicht nur wegen der frühen Stunde, überhaupt nicht deswegen. Es gelüstete mich geradezu, das Telefonbuch durchzugehen. Wen ich noch nicht daraus gelöscht hatte, oder besser, wessen Nummer ich überhaupt noch hatte. Mit dem Freund, der mir in solchen Fällen als Einziger zur Seite gesprungen war, was bedeutet, dass er mich auch vollkommen verstand, war ich passenderweise verkracht. Von ihm wird bestimmt noch viel mehr die Rede sein. Es war ja nichts Ernstes, es ging mehr um Beleidigtsein, und mich fröstelte, als ich feststellte, dass er der Einzige war, an dessen Schulter ich meinen Kopf lehnen konnte. Um niemandem Unrecht zu tun, überprüfte ich tatsächlich mein Telefonbuch und war sofort überzeugt, wie Recht ich doch gehabt hatte, und tippte auch schon Torsos Nummer.

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