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Aus dem Kroatischen von Patricia Fridrich
In der Dunkelheit des Zimmers standen zwei Figuren fest umschlungen. Verdunkelung war angeordnet worden. Wir mussten die Rollläden herunterlassen, und in der Wohnung durfte nur ein ganz schwaches Licht brennen, weil sonst sofort irgendwelche Nachbarn aus den Wohnblock-Amphitheatern von Sloboština gerufen hätten: „Mach das Licht aus!“ oder „Mach das Licht aus, du Hurensohn!“, und nicht „Kaaartoffeln!“, wie es zu Friedenszeiten üblich gewesen war.
Im kleinen Park hinter dem Wohnblock und in der gesamten Umgebung war es vollkommen dunkel. All die Straßenlaternen, deren Masten wir unzählige Male zum Gummitwist spielen benutzt und mit unseren Namen und Klassen bekritzelt hatten, deren orange leuchtendes Licht im Sommer scharenweise Fliegen und Käfer anzog und uns ans Nachhausegehen erinnerte, all diese Straßenlaternen blieben nun dunkel. Mit der glanzvollen und schimmernden Welt von Barbie hatte das nichts zu tun.
Ich saß auf dem Fußboden meines verdunkelten Zimmers, mit dem Rücken an das Bett gelehnt, hielt mit den Beinen Tropical Barbie und Sweetheartfamily Ken umklammert, in der Hand eine kleine Taschenlampe, an deren Stiel ich eine Miniatur-Diskokugel befestigt hatte. Die Diskokugel ließ unzählige bunte Rauten im Zimmer blinken. Sie verteilten sich über die Wand, die Spielzeugregale und Bravo-Poster, auf denen Michael Jackson mit einem Tigerbaby und Patrick Swayze in Südstaatenuniform abgebildet waren. Und während Tropical Barbie ihren schmalen Körper verängstigt und ohne Hintergedanken an Kens breite Plastikschulter schmiegte, spielte das Radio leise das Lied von der letzten kroatischen Rose. Rooose, o mein Rööööslein, wie viele Tränen hab ich vergoss-ssen, wegen dir alleeein… Einen Tick langsamer als die Umdrehung der Diskokugel.
Auf der wohl eher traurig anmutenden Tanzfläche stand mein allzeit gepackter kleiner Koffer. Nach dem ersten Luftalarm war gleich am nächsten Tag noch einer gefolgt, dann noch einer, dann wurde die Schule bis auf weiteres geschlossen, und ich beschäftigte mich zwei Tage lang mit nichts anderem als mit dem Packen und Umpacken meiner Barbiesachen, alleine und in der Dunkelheit.
In diesen ersten Tagen des Krieges, in denen man ständig auf der Hut sein musste, bestand die ganze Welt von Barbie im Spielen mit nackten Körpern, die Blues tanzten, träumten und taumelnd durch das Zimmer schwankten, wie Engel, denen man die Flügel amputiert hatte. Von ihrem imaginären Haus ließen sie sich zur Bar am Strand und wieder zurück gleiten, während ich, statt in die Tropen, mehrmals am Tag in den Keller auswandern musste.
Und während die kleinen, schmalen Silhouetten von Barbie und Ken sich im Takt wiegten, war aus dem Zimmer meines Bruders die Melodie des Computerspiels Zorro zu hören. Auch mein Bruder war zu hören. Er fluchte, weil wieder einmal eine schwarze Linie das Bild des Fernsehmonitors teilte, so dass es noch schwieriger war, Zorro durch die verschiedenen Level seines mexikanischen Geländes zu bewegen und Punkte zu sammeln.
Aus: Maša Kolanovic: Sloboština Barbie (Barbie Town), VBZ, Zagreb 2008
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