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MARINKO KOŠČEC

Marinko Koščec, geboren 1967, ist Professor für französische Literatur an der Zagreber Universität, Publizist und Übersetzer.

Publikationen

Otok pod morem (Eine Insel unter dem Meer), Roman 1999

Netko drugi (Jemand anders), Roman 2001 ausgezeichnet mit dem Meša-Selimović-Literaturpreis.

Wonderland, Roman 2003

To malo pijeska na dlanu (Eine Hand voll Sand), Roman 2006

Centimetar od srece (Einen Zentimeter vom Glück), Roman 2008

AUS WONDERLAND

Aus dem Kroatischen von Dagmar Schruf

Jemand steckt im Treppenhaus fest und tastet fluchend nach dem Lichtschalter. Oh, Nachbar ZebiĆ. Für den Aufstieg in den ersten Stock braucht er viel Raum und Zeit. Hinunter geht er jeden morgen sehr enthusiastisch. Am frühen Abend kehrt er dann wesentlich langsamer und diagonaler zurück. Für Leute wie ihn sind Kriege wie gemacht. Vor dem Krieg war er ein aus dem Portiermilieu exkommunizierter Nichtsnutz. Der Krieg hat ihn durch exakt drei Wochen Bewachung irgendeines Materiallagers zum Heimatschützer mit Invalidenrente befördert. Zeitweilig war er dank eines Existenzgründungskredits für ehemalige Kämpfer sogar privater Imkereiunternehmer. Bis er, voll wie eine Haubitze, seinen Laster mit den Bienenkörben in den Straßengraben fuhr. Tausende von Stacheln hat man ihm ausgezogen, und wir mussten tagelang die Fenster geschlossen halten, denn die Rache der Bienen schwebte über dem ganzen Viertel.

Wenn man es recht überlegt, gehört der Professor zweifellos zur Elite - im Vergleich zu gewöhnlichen Lehrern, besonders denen aus der Provinz, und wie, bitte, kann es denn in einem Land mit acht Prozent Hochschulabsolventen auch nur einen Quadratzentimeter geben, der nicht provinziell wäre? Er ist genauso Teil der Elite wie die Prostituierte mit Visitenkarte im Sheraton im Gegensatz zu einer, die auf dem Svačiš-Platz herumlungert, oder wie ein Angeklagter vor dem Haager Gerichtshof im Gegensatz zum Held des Heimatkrieges, der dich absticht, weil du mit einem Reifen auf seinem Rasen parkst, und freigesprochen wird, weil er an PTS leidet. Sollte irgendein Zufall den Professor zwingen, sich mit seinen Artgenossen aus der westlichen Welt zu vergleichen, hätte er allen Grund, besorgt zu sein. Aber ein Artgenosse aus dem Westen hat nicht die geringste Veranlassung, sich mit ihm zu vergleichen, also macht der Professor seinen Job weiter wie gehabt. Dadurch dass er seinen elitären Status genießt, schützt er sich gleichzeitig auch vor fachübergreifenden Vergleichen. Denn über der Elite der Professoren, der Prostituierten oder der Heimatwehr und allen anderen Eliten existiert noch die Superelite, die Politik und Prominenz, zwei verschwisterte Zweige, die der goldene Fernsehbaum erblühen lässt. In die Sphäre der Superelite schafft es gelegentlich auch ein Fußballspieler, wobei es, versteht sich, nicht die erzielten Tore sind, die ihm die Eintrittskarte dazu sichern, sondern einzig sein Talent für Politik und Prominenz. Wenn er für beides begabt ist, mäht er buchstäblich alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt.
Aber warum sollte das die Errungenschaften des Professors schmälern! Im Gegenteil, sein Leben deckt sich doch so zuverlässig mit dem, was gerne als Erfolg bezeichnet wird. Er persönlich würde unter all seinen Erfolgen den seiner Ehe hervorheben und diese Gemeinschaft ruhigen Gewissens als harmonisch bezeichnen. Eine zunehmende Reife hatte längst die Träumereien von einer Verschmelzung zu hermetischer Einheit verdrängt, die mitten im Grau der Welt eine Oase gegenseitiger Inspiration erzeugen könnte, die einen Schutzwall bilden würde gegen die alltägliche Erosion, gegen die Angst, dass alles plötzlich einfach so einstürzt, dass die ganze so kostbare Konstruktion in sich zusammenbricht. Nein, der Professor weiß die reellen, die erreichbaren Wohltaten des Lebens in Zweisamkeit zu schätzen. Welche? Zum Beispiel eine Stimme, die beim Zuschnappen der Eingangstür ertönt und klingt, als würde einem ein weicher Sessel angeboten. Gebügelte Hemden. Gemeinsam im Bett fernsehen. Hingebungsvolle, weiche Hände, die genau wissen, wo die Lust zu finden ist. Das gleichmäßige Heben und Senken der Brust, wenn zwei befriedigte Körper seitlich ineinander liegen wie die beiden Hälften einer Muschel.
Ja, es war sogar, als hätte er es endlich geschafft, sich von den Lockrufen aus der Vergangenheit loszureißen, die jahrelang seine zerbrechliche Verankerung in der Gegenwart gefährdet hatten. Diese zudringlichen Phantasien, die sich zum Beispiel in Gestalt von einem besonders runden und glatten Hintern meldeten, der an einem Seeufer auf dem Beifahrersitz, begleitet von symphonischem Grillengezirpe und fröhlichem Geklatsche auf ihm auf- und abhüpfte. Oder einer forschend veranlagten, begierigen und einzigartig fachkundigen Zunge in einem beinahe leeren Nachtzug. Oder jener blassgrünen Augen, in der seltenen, irrwitzigen Kombination mit rotem Haar... Doch nein, in dieses Wespennest durfte er nicht stechen.
Er hatte es schon als sein lebenslängliches Kreuz akzeptiert, seine beredte Vergangenheit zu unterdrücken, obwohl ihn die Erinnerungen an jene kurz geschauten und unwiederbringlich verlorene Paradiese noch jahrelang quälten, indem sie wie der Adler des Prometheus Tag für Tag zurückkehrten, um Zins und Zinseszins für jedes Bisschen geborgte Lust zu holen. Doch seitdem er sich endgültig entschlossen hatte, sich niederzulassen, verglühten all diese fruchtlosen Instant-Epiphanien eine nach der anderen auf dem Opferaltar der Monogamie und gestatteten ihm, in seinem so heiß ersehnten Frieden aus dem durchs Sakrament bevollmächtigten Kelch an der Libido zu nippen.

Was soll’s. Ich liebe Karmen, das ist der einzig angemessene Ausdruck. Mehr als anfangs, und um vieles besser! Was der Flamme der Leidenschaft hingegeben wird, verbrennt im Nu zu Asche. Karmen und ich hingegen, wir haben bereits mit zu vielen Verbrennungen begonnen, uns konnte nichts mehr verbrennen. Und anstatt in gegenseitiger Abhängigkeit und Gewohnheit zu versumpfen, hat sich unsere Beziehung mit der Zeit entfaltet. Ihr Busen übrigens nicht mehr, auch aus einem vorteilhaften Blickwinkel und bei wohlwollender Beleuchtung betrachtet nicht. Das Geheimnis des ehelichen Erfolgs ist im Grunde darauf zurückzuführen, dass man das Ganze aus einem vorteilhaften Blickwinkel und bei wohlwollender Beleuchtung betrachtet. Mit der Zeit und je nach Bedarf, entwickelt der Mensch auch eine gewisse Findigkeit, zum Beispiel indem er im entscheidenden Moment das Licht ausmacht.

Der ohnehin schon enge Flur ist mit Umzugskisten zugestellt, sie stapeln sich bis zur Decke. Das Wohnzimmer ist auch verbarrikadiert, selbst die Schränke sind abgebaut und zeugen davon, wie schnell alles in einer Kiste enden kann.
Halloo-ho, ich bin in der Wanne, hört man aus der Badewanne.
Wir hatten doch abgemacht, dass wir den Rest gemeinsam packen, wenn ich komme, sagt der Professor. Egal.
Ob sie wohl auch so opferbereit wäre und fröhlich in der Wanne planschen würde, wenn wir zu meiner Familie ziehen würden, fragt sich der Professor. Aber was ist das?
Der Küchentisch ist Schauplatz eines rätselhaften Massakers. Aus einer Pyramide von Plastiktüten ragen Dutzende von Flügeln und Keulen, obszön entblößt und stoppelig. Man fürchtet sich in die Tüten hineinzusehen, aus Angst, vielleicht noch eine Haarnadel oder einen Goldzahn zu finden.
Marinko hat wieder eine Kompensation bekommen. Und weil du mich letztes Mal gefragt hast, warum ich sie nicht angenommen habe...
Na ja, Toaster hätten wir ja vielleicht noch verkaufen können, aber zwanzig Kilo Geflügel..., und das ausgerechnet jetzt.
Dreißig. Bring sie runter zu Vera in die Kühltruhe, morgen nehmen wir sie mit.
Sie kommt auf ihn zu, es tropft aufs Parkett. Ein Handtuch ums Haar geschlungen, das andere reicht von den Achselhöhlen bis zu den Knien, setzt sie sich bei ihm auf den Schoß. Wie kommen die Hähnchen auf einmal auch in die Metaphern? Feuchtigkeit dringt durch den Stoff. Nasse, aufgeweichte, rosafarbene Haut, die Vision eines Brathähnchens, das im Grase zirpt.
Entschuldige, dass dein Geburtstag diesmal so ausfällt. Nächstes Jahr geben wir eine Party für dich.
Papiergeraschel.

  PETRE M. ANDREEVSKI
  TOMICA BAJSIĆ
  ELVIS BOŠNJAK
  RUMENA BUŽAROVSKA
  ALEŠ ČAR
  PREDRAG ČUDIĆ
  BORIS DEŽULOVIĆ
  IVAN DODOVSKI
  ALEKSANDAR GATALICA
  BORIS GREINER
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  VELIMIR ĆURGUS KAZIMIR
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