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Aus dem Kroatischen von Matthias Jacob
Feste, - Hochzeiten, Ostern, Weihnachten oder Tanzabende – schildert Ante Kovacic (1854 – 1889) in seinem Roman „In der Registratur“ (1888) sehr anschaulich. Der Roman handelt vom Schicksal des armen Bauernkindes Ivica und der sozialen Ungerechtigkeit der kroatischen Gesellschaft Ende des 19. Jh. Die patriarchalischen Strukturen auf dem Lande lösen sich auf und die Kluft zwischen Stadt und Land wird größer. Bei aller Sympathie für die Bauern beschreibt Kovacic neben den Sitten und Gebräuchen des kroatischen Zagorje auch die Fehler und Schwächen der Dorfbevölkerung.
In der Dorfschenke des Juden Reicherzer herrscht ausgelassene Stimmung: Jožica, Ivicas Vater, der von den anderen „Faulenzer“ genannt wird, spielt mit seinem Dorforchester zum Tanz auf. Wer Geld hat, darf bestimmen, was gespielt wird: Das jedenfalls glaubt der kleine Dorfschreiberling, aber v. a. der Städter, der Kammerdiener Žorž, der sich des jungen Ivica als Mäzen angenommen hat. Das gefällt der Dorfhautevolee überhaupt nicht: Weder der dickleibige „Kanonikus“ noch dessen Sohn Miha, der es in den Diensten des reichen Pferdehändlers Medonic und durch die Heirat mit dessen Tochter Justa zu einigem Geld gebracht hat, wollen sich von dem Städter etwas vorschreiben lassen. Das Fest nimmt eine unvorhergesehene Wendung.
Auch in dem Wirtshaus des Juden Reicherzer, das für das Christenvolk ein wahrer Tempel des Vergnügens war, begann kurz vor Sonnenuntergang ein immer heftigeres Lärmen und Schreien wie weiland unter den Erbauern des biblischen Babylon. Der wilde Tanz der jungen Leute wirbelte dunkle, muffige Staubwolken auf, die um die ehrenwerten, erhitzten Häupter der betrunkenen Damen und Herren schwebten. Wieder wiegten die Musikanten ihre Köpfe und schon wimmerten die Geigen, weil der Bogen sich weder um die Bezahlung scherte noch um die Hand, die ihnen über die geschmierten Saiten fuhr. Jožicas Bassgeige brüllte wie ein Bär, dem man bei lebendigem Leibe die Haut abzieht. Hundert heisere Kehlen versuchten sich ständig gegenseitig zu übertönen; - wild, geradezu bestialisch. Selbst die stolze Justa wurde ganz rot und strahlte als hätte man nachts eine Kerze in einen ausgehöhlten Kürbis gesteckt. Sie vergaß sich so sehr, dass sie beim Tanzen Miha an sich zog und ihn umarmte. Und als die Dunkelheit einbrach und der Reicherzer und die Reicherzerin, die einzigen aus dem „auserwählten Volke“ in diesem Sodom und Gomorra christlicher Seelen, die Leuchter anzündeten, begann ein noch größeres Geschrei; - Gerenne, Lärmen, Tanzen.
„Heh, spiel mein Lied, das ungarische“, rief Miha und warf ein Silberstück auf Jožicas Bassgeige.
„Siehst du ihn?“ drängte der kleine „Kanonikus“ den alten Geldsack Medonic, der gelangweilt gähnte und in seinem dem Wein geschuldeten Dämmerzustand den Blick über die wogende Menge wandern ließ und sich dabei ständig die Augen rieb, weil ihn der Staub juckte. „Siehst du ihn“ – wiederholte der „Kanonikus“ heftig, – in allen neun Gemeinden gibt es keinen einzigen Vater, der einen solchen Sohn hätte; keine Schwiegermutter, die einen solchen Schwiegersohn ihr eigen nennt! Hä? Du alter Geldsack!“
„Ja, ja!“ sagte Medonic, der langsam wieder zu Bewusstsein kam.
Die Musiker stimmten das „Ungarlied“ an, und Miha warf sein kleiner runder Hut in die Luft, packte die stämmige Reicherzerin und bewegte seine Beine langsam und vorsichtig, die anderen aber stierten betrunken vor sich hin, nickten billigend mit dem Kopf. Justa lächelte und fuhr sich mit dem Zeigefinger bald in die Nase, bald ins Ohr.
„Jožica, spiel uns jetzt das Zigeunerlied! – rief der Kammerdiener und schlug mit der Faust auf den Tisch, wobei seine Augen heftig loderten. Spiel das „Zigeunerlied“, da nimm die Knete, und hör sofort auf mit dem Gedudel!“
Jožica wischte den Groschen ab, schwenkte den Bogen hoch in die Luft und gebot den anderen, mit dem „Ungarlied“ aufzuhören.
Die Musiker gehorchten und der Klang einer neuen Melodie setzte ein.
„Was denn, was denn? Ihr wollt meins nicht zu Ende spielen?“ rief Miha. „Hab’ ich nicht anständig bezahlt? Ist mein Geld nicht so viel wert wie das jedes anderen? Das wollen wir doch mal sehen, da soll euch doch…“
„Ja, das werden wir sehen! – der kleine „Kanonikus“ hob seine Faust drohend in die Luft.
„Spiel das Zigeunerlied, Jožica, und scher dich um niemanden! Jetzt wollen wir mal sehen, wer danach tanzen kann? Es gehört sich doch für jeden echten Zigeuner und Händler, jeden Pferdedieb, dass er zu tanzen versteht!“ rief der Kammerdiener.
„Und alle Städter, diese Arschkriecher und Stiefellecker werden jetzt tanzen! Entgegnete Miha rau, und der kleine „Kanonikus“ griff nach einer leeren Flasche und hielt sie dem Kammerdiener drohend vor die Nase.
Die Musiker spielten trotzdem und es war schwer zu entscheiden, ob das Geschrei Geige und Bassgeige übertönen oder ob die Musik das wilde Geschrei zum Verstummen bringen würde.
„Was brüllt ihr da, um Gottes willen, schrie der kleine Schreiberling, „die Musik ist doch ganz ähnlich wie das Ungarische, was sie bis jetzt gespielt haben.“
„Stimmt! Stimmt! Das ist ja die gleiche Musik!“ riefen die Leute.
Doch jetzt musterte der Kammerdiener Miha und den kleinen „Kanonikus“ verächtlich, und blickte stolz auf die Menge herab wie ein Feldherr, der seine Feinde auf einen Schlag besiegt hat.
„Spiel ein anderes Lied! Spiel das ‚Obersteirische!“ schrie Miha, der nicht verstand, welch üble Absicht der Kammerdiener hegte und warf jedem Musikanten einen Groschen zu.
„Hör auf und spiel das Obersteirische! Gähnte der alte Geldsack Medonic.
„Hör auf und spiel das Obersteirische!“ krähte Justa mit heiserer Stimme, taumelte und fast wäre sie hingefallen…
[…] Fauler Sack, spiel das Obersteirische – ich sag’s Dir zum letzten Mal, sonst werden wir andere Saiten aufziehen!“ rief der kleine „Kanonikus“ und fuchtelte mit geballter Faust durch die Luft.
„Das Obersteirische, das Obersteirische, sonst gibt’s hier bald `ne andere Musik….“ wimmerte Justa…
„Kein Obersteirisches, solang nicht unser Zigeunerlied gespielt wurde“, der Schreiberling hüpfte leichtfüßig heran und musterte Miha und dessen „magyarische“ Kleidung verächtlich.
„So ist es! Papa, untersteht euch bloß, was anderes zu spielen! – jetzt erhob sich nach dem Schreiberling der Gymnasiast Ivica, dem vor lauter Wut die Lippen zitterten, die Augen des Jungen aber drehten sich wie zwei feurige Reifen, weil ihm der teils handelsübliche, teils schwarz gebrannte jüdische Alkohol so seltsam im Gehirn herumging, dass ihm die „magyarische“ Kleidung von Miha wie die Bassgeige seines Vaters, des Musikanten Jožica vorkam, sich aber im nächsten Moment sein Vater mitsamt der Bassgeige in den eitlen Stutzer Miha in seiner „magyarischen“ Kleidung verwandelte.
„Was hat uns denn dieses Kräuselhaar hier zu befehlen!“ – sagte der hinkende, stumpffüßige Musiker und schleuderte Geige und Bogen fort. „Ist der Faulenzer Jožica etwa unser Herr? Er spielt halt die Bassgeige, wir die Geige, wir sind doch gleich viel wert! Also gib ein Glas Wein, egal welchen! Ich verreck noch vor lauter Durst hier in diesem Radau.
Nun sprang der kleine „Kanonikus“ zu dem hinkenden Musiker, reichte ihm eine volle Flasche mit starkem Wein und flüsterte ihm etwas zu…
Der Geiger, der schon Tantalusqualen ausgestanden hatte, hob die Flasche, goss den Wein auf einem Zug in sich hinein und schlug sie dann heftig gegen die Wand.
[…]
„Unter uns Musikanten soll Ordnung und Frieden herrschen“, brach es nun aus Jožica heraus, der den kleinen „Kanonikus“ mit wütenden Blicken durchbohrte.
„Du Faulenzer, pass heut’ bloß auf deine demolierte Baßgeige auf und spiel gefälligst für den, der dir mehr zahlt! – sagte der „Kanonikus“ feixend.
„Nimm dich in Acht, du Wucherer, ich sag’s dir! Und der Musiker Jožica drohte ihm mit der Faust… - An die Arbeit!“ jetzt winkt er seinen Kameraden mit dem Geigenbogen: „Wir spielen das Obersteirische!“ Und Jožica streicht über die dicken Saiten seiner Bassgeige.
„Also los!“ – der Hinkefuß hüpfte herbei und sie spielten wie besessen das „Obersteirische“; doch Miha packte Justa um die Hüfte, andere wieder andere, und Wirbel drehten sich wie in angeschwollenen Flüssen.
Der Schreiberling prahlte und blähte sich auf wie ein Frosch, der ein Pferd mit den Hufen schlagen sah, er packte den Schüler Ivica und sie tanzten irgendeine Mischung verschiedener Tänze, dass sich eine neue und noch schmutzigere Staubwolke erhob, so als würde man das unterste Federbett des Reicherzers, des Nachkommen Davids ausschütteln. Als der Herr Kammerdiener nirgends eine geeignete Tänzerin sah, drehte er sich langsam um seine eigene Achse, wobei er oft die Absätze seiner feinen Schuhe hochhob, und dann so zierlich und graziös watschelte wie eine Ente, damit man sähe, dass die Stadtmenschen so ganz anders tanzen und sich zu bewegen verstehen als diese Dörfler, diese Halbbären.
[…]
Auch das „Obersteirische“ ging zu Ende. Jeder dachte, dass die in Schweiß geratenen Tänzer und Tänzerinnen nun an ihre Plätze eilen und ihre staubig gewordenen Kehlen mit einem frischen Tropfen netzen würden…Doch der kleine „Kanonikus“ sprang zu dem Musiker Jožica, schlug wütend gegen dessen Bassgeige und brüllte:
„He, Faulenzer! Jetzt spielst du mir und meinem Pferdehändler das Friaullied spielen, und zwar so, dass die Erde unter den Füßen bebt!
„Dir wed’ ich so spielen, du Esel!“ – rief Jožica und schlug mit dem Geigenbogen gegen die Wangen des „Kanonikus“, dass ihm sogleich die Falten über der Nase und über beiden Wangen anschwollen als ob sich ein Maulwurf unter der Haut durchwühlen würde. „Das ist für den „Faulenzer“ und das andere musst Du bezahlen, wenn Du willst, dass wir spielen.
[…]
„Spiel das Friaullied! Ich zahl’!“ rief Miha und sprang Jožica erbost entgegen.
„Jetzt mach mal halblang, du zigeunerischer Pferdedieb! Glaubst Du etwa, du dürftest Leute, die älter sind als Du, einfach duzen, nur weil Du dich hier aufgetakelt hast wie ein Affe im Zirkus! – rief der Herr Kammerdiener, sprang über den Tisch und schlug mit der einen Faust auf die Brust des kleinen „Kanonikus“ und mit der anderen den Krämer Miha.
Der überraschte „Kanonikus“ griff nach einer leeren Flasche, aber jemand nahm sie ihm weg; während Miha begann, an dem Stuhlbein zu zerren, um es auszureißen, aber der wutentbrannte Ivica winselte mit zitternder Stimme: „Das ist mein Stuhl, gnädiger Herr Miha! – er entwand ihm den Stuhl aus der Hand und zog ihn zu sich.
„Ruhe, meine Herrschaften!“ schrie der kleine Reicherzer weinerlich und als Ruhe eintrat begann er ihnen darzulegen, was für eine Schande es wäre, wenn sich in seinem Gasthaus Herren mitten unter Bauern prügeln.
[…]
„Spielt das Friaullied“ –wenn euch eure Geigen lieb sind! Begann der Krämer Miha zu schreien, schüttete den Geigern eine Handvoll Silbermünzen entgegen und musterte Jožica verächtlich.
„Spiel unsere hiesige „Polka!“ rief der Kammerdiener und baute sich vor Jožica auf, wobei er Miha so sehr zurückdrängte, dass diesem der kleine runde Hut in die Menge flog.
„Hoho! So haben wir nicht gerechnet, ihr verwöhnten Stadtmenschen!“ sagte der kleine Kanonikus, streckte seine Faust gegen den Nacken des Kammerdieners aus und packte ihn am rechten Ohr, dass diesem alle Kirchenglocken im Schädel zu dröhnen begannen.
Der Kammerdiener, der einen Schmerz und ein Geräusch im Kopf verspürte und nichts mehr sah, gab Miha einen Schlag auf die Nase, so dass sofort heftig rotes Blut hervorquoll. Der Kammerdiener hatte geglaubt, Miha habe ihn auf das Ohr geschlagen.
Jožica stieg auf einen Stuhl und briet einem der Zuhörer und Unruhstifter seine Bassgeige über den Kopf, schlug seine Ärmel bis zu den Ellen zurück und stürzte sich in das Menschenknäuel.
Die Geiger schoben schnell ihre Instrumente unter ein Bett und dann stürzten auch sie sich in den Kampf. Der Hinkefuß tat sich mit seinen Fußtritten unter den jähzornigsten Rädelsführer der Schlacht besonders hervor, und das ganze Menschenknäuel kippte über Tisch und Stühle gen Fußboden. Die Frauen begannen zu kreischen und wegzulaufen, nur Justa hob die Fäuste wie eine Kriegerfurie und drängte sich rücksichtslos bis zu ihrem Miha durch, wobei sie jenem einen Schlag auf die Nase versetzte und jenem auf den Mund – jedem, der ihr im Wege stand.
Der Dorfschreiber machte sich wie eine Fledermaus durch das erste beste geöffnete Fenster aus dem Staube und als er an der freien, frischen Nachtluft beherzt sein Hütchen fest ins Gesicht zog seufzte er: „Gott sein Dank! Ich bin glücklich entwischt! He, heut’ Nacht gibt’s bei den Reicherzern eine schreckliche Bataille und blutige Köpfe…Oh weh…“
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