VEREIN ÜBERSETZER AUTOREN AKTIVITÄTEN
DUBRAVKO MIHANOVIĆ
  • 1975 in Zagreb geboren
  • Studium der Dramaturgie an der Akademie für Dramatische Künste in Zagreb
  • schreibt Theaterstücke, Drehbücher, Hörspiele, Libretti und Gedichte
  • arbeitet derzeit als Dramaturg am Theater Gavella in Zagreb
Publikationen

Pingvini, 1996
Bijelo, 1998
ausgezeichnet mit dem Marin-Držić-Preis
Grenland, 1999
Indijanci, 2000
Žaba, 2003
ausgezeichnet mit dem Marin-Držić-Preis; Marul-Preis für die Produktion des Stückes am Teatar&TD; Preis der Vereinigung der kroatischen Schauspieler für das beste Stück der Saison

SUPER-FROSCH

Aus dem Kroatischen von Monika Milosavljević

Zeko ist Besitzer eines Friseur- und Barbiersalons. Im jugoslawischen Bürgerkrieg kämpfte er für sein „Vaterland“ und scheiterte nach seiner Rückkehr in seiner Ehe. Nun fristet er ein etwas trostloses Dasein in ständiger Sehnsucht nach seinem kleinen Sohn, seiner Frau und einem sinnerfüllten Leben. Dubravko Mihanović zeigt in „Super-Frosch“ die Einsamkeit, Gefährlichkeit und Verletzlichkeit dieses Kriegsveteranen, der nun mit seinem Codex von Ehre und Familiensinn seinen jüngeren Bruder tyrannisiert. Am Heiligen Abend scheint der Zeitpunkt der Abrechnungen aber auch der neuen Vorsätze gekommen zu sein, und Zeko fällt nichts Besseres ein, als diese mit Gewalt einzufordern. Doch da es der Heilige Abend ist, bleibt ein Rest Zukunftshoffnung bestehen.
(Quelle: www.kaiserverlag.at)

ZEKO: Man darf vor dem Leben nicht davonlaufen, man muss sich ihm stellen.

TONI: (völlig außer sich) Dem Leben!? Du hättest mich fast umgebracht!? Von welchem Leben sprichst du eigentlich, verdammt noch mal!?

GRGA: (versucht ihn zu beruhigen) Toni...

TONI: (zu Grga) Du hast doch gesehn, was der mit mir gemacht hat!? Und du Arschloch… Hast dich nicht von der Stelle gerührt! Der bringt mich fast um, und du lässt keinen Furz!

GRGA: (versucht, seine Erregung zu verbergen) Was hätt ich denn machen sollen?

TONI: Mir helfen!

GRGA: Du hast ein Rasiermesser an der Kehle gehabt, Toni!

TONI: (zu Grga) Auf dich ist doch geschissen... (kurze Pause; zu Zeko; als breche es aus ihm heraus.) Du bist doch krank, Zeko! Du bist ein kranker Irrer! Ich hab die Schnauze gestrichen voll von dir! Von dir und dem Krieg und euch allen, die ihr dort wart! Du denkst, dass ihr wegen „dem Dreck und dem Blut und den Löchern“ das Recht habt, die ganze Welt zu drangsalieren!? Der Krieg ist vorbei, Mann! Wir können nicht ständig auf Zehnspitzen rumlaufen und uns andauernd für die ganze Scheiße, die euch dort passiert ist, entschuldigen! Sind wir denn daran schuld!? Ha!? Bin ich schuld!? Dass ich jeden Abend, nachdem du in den Krieg gezogen bist, hören musste, wie Mutter sich die Augen aus dem Kopf heult!? Dass der Alte ’nen Schlaganfall gekriegt hat, als wir hörten, dass du verwundet wurdest!? Verdammt noch mal, du hattest Frau und Kind zu Hause! Maja sind vor lauter Fernsehen glotzen und Zeitung lesen fast die Augen ausgefallen, nur damit sie irgendwas über dich erfährt, wenigstens irgendetwas ... (weint fast vor lauter Wut und Elend) Und das war’s dann, oder was!? Du bist völlig am Arsch, dir ist nicht mehr zu helfen, und jetzt denkste, du könntest mir ins Hirn scheißen!? Mich retten!? Woher nimmst du dir das Recht!? Vielleicht will ich gar nicht gerettet werden! Ha!? Vielleicht gefällt’s mir in der Kneipe und der Spielhalle ja ganz gut, und außerdem gehen mir der Job und Vanja und Marta und ihr alle voll am Arsch vorbei! (kurze Pause) „Habt das Vaterland verteidigt“!? Und!? Was habt ihr nun davon!? Wenn es Gerechtigkeit oder irgendeine Logik gäbe, wärt ihr belohnt und nicht bestraft worden - von deinem Gott, oder von was weiß ich wem! (hält inne, völlig außer Atem von der Vehemenz, mit der er all das ausgesprochen hat)

ZEKO: Ich bin nicht in den Krieg gezogen, um belohnt zu werden, sondern weil ich sonst nicht mehr in den Spiegel hätte sehen können. Kann sein, dass Gott das genauso selbstsüchtig findet. Wer weiß denn schon, was er denkt? (kurze Pause) Die Entscheidung muss jeder selber treffen. Entweder du gehst gebückt oder aufrecht durchs Leben. (kurze Pause) Ich weiß genau, dass dir Marta oder Vanja oder der Job nicht egal sind. Also bitte, ...

TONI: (unterbricht ihn; als glaube er ihm nicht) Du bittest mich?

ZEKO: Ja, Toni. Seit Tagen schon. Seit du entlassen worden bist.

TONI: Hast mich ja wirklich schön gebeten, Zeko!

ZEKO: Du wolltest mir nicht zuhören. Du hast mich nicht ernst genommen.

TONI: Und wieso denkst du, dass ich dich jetzt ernst nehme!? Weil du mich beinahe abgestochen hast!? Du hast nur bestätigt, was ich vorher schon wusste: Dass du völlig durchgeknallt und irre aus dem Krieg zurückgekommen bist!

ZEKO: (weiterhin ruhig und entschieden) Jetzt hast du mich ernst genommen. (kurze Pause)

TONI: Ich muss hier raus.

(In: Eine verdammt glückliche Familie. Eine Auswahl kroatischer zeitgenössischer Theaterstücke. Hrg. Walter Kootz. Kaiser Verlag, Wien. 2008.)

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