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Aus dem Kroatischen von Blanka Stipetić
Eine Zeit lang ging sie an einer schmutzigen Mauer, voller Kritzeleien entlang, deren Farbe schon längst verblasst war. Sie wollte noch einmal die Adresse überprüfen und holte den Zettel aus der Brieftasche. Noch immer stand darauf in derselben, steifen Schrift: VRHOVAC 86.
Sie legte den Zettel zurück in die Brieftasche. Die Börse kam ihr auf einmal verdächtig leer vor. Sie öffnete sie und blickte entsetzt hinein.
In der Brieftasche lagen der Zettel mit der Adresse und dahinter die Rückfahrkarte. Sonst war da nichts. Das Bündel mit den Zwanzigern für ein Sandwich und ein Taxi war weg. Es war gestohlen worden.
Mare kramte in ihren Taschen, ertastete Schlüssel und etwas Kleingeld, kaum genug für einen Kaffee. Die Geldscheine fand sie nicht.
Erneut öffnete sie die Börse, nahm Fahrkarte und Adresse heraus. Ganz unten in dem ledernen Fach entdeckte sie einen weiteren weißen Zettel. Sie entfaltete ihn.
Da standen nur zwei Worte, in ordentlicher Kinderschrift.
Verzeihen Sie
Verzweifelt setzte sie sich auf ihre Tasche.
Jemand hatte sie bestohlen, während sie schlief. Er hatte ihr ganzes Geld genommen und hatte zum Hohn eine Bitte um Verzeihung hinterlassen. Das alles wegen hundertfünfzig Kuna oder noch weniger. Er musste verzweifelt gewesen sein. Aber – Wann war das geschehen? Während sie geschlafen hatte? Wieso hatte sie nichts gehört? Wieso hatte der Alte nichts bemerkt, er hatte doch nicht geschlafen? Oder war er es vielleicht gewesen?
Mare blickte wieder auf den Zettel. Sie betrachtete die runde Kinderschrift und versuchte in den Worten Verzeihen Sie eine Spur der zittrigen alten Hand zu entdecken. Er war es, dachte sie. Niemand sonst kann es gewesen sein, nur er.
Der Alte hatte nicht geschlafen, nicht eine Sekunde. Als sie erwacht war, hatte sie die Tasche zu seinen Füßen gefunden. Sie entsann sich der ausgefransten Ärmelränder und des abgetragenen Mantels.
Noch immer saß sie auf der Tasche. Auf einmal fühlte sie, wie die Nuss-Ravioli unter ihrem Gewicht zerquetscht wurden. Sie stand sofort auf und schob die Tasche zur Seite. Sie blickte auf eine Lache aus schleimigem Fischwasser.
Vor ihren Augen drehte sich alles. Sie brauchte dringend eine Bank, irgendeinen Ort um sich hinzusetzen und durchzuatmen. Sie blickte sich um. Weit und breit keine Bank, nur die graue Bahnhofswand und Fabrik an Fabrik. Schließlich setzte sie sich wieder auf die Tasche und legte das Gesicht in die Hände.
Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie hatte noch sieben oder acht Kuna, zuwenig für ein Taxi. Vrhovac war weit, die Tasche schwer, das Wetter schlecht und der Fisch taute. Sie konnte ihren Weg ohne Geld fortsetzen. Es war ihr unangenehm, aber - sie konnte den Taxifahrer bitten, sie zum Ziel zu fahren und am Hauseingang zu warten. Sie würde zu Tante Olga hochsteigen und sich Geld leihen. Andernfalls erwartete sie eine Stunden lange Schlepperei durch Schnee und Matsch.
Sie entschied sich, stand auf, nahm die Tasche und ging weiter. Der Taxistand war am Ende der Straße, wo die Fabrikmauer in einen Platz mündete.
Neben ihr fuhren langsam die Autos vorbei. In der Autoschlange erblickte Mare ein Taxi. Es saß kein Fahrgast darin nur der Fahrer. Das rote Licht einer Ampel brachte die Schlange zum Stehen und mit ihr das Taxi. Mare winkte.
(Pavičić, Jurica: Crvenkapica. VBZ 2006)
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