VEREIN ÜBERSETZER AUTOREN AKTIVITÄTEN
GORAN PETROVIĆ
  • Geboren 1961 in Kraljevo
DIE KURZWARENHANDLUNG "ZUR GLÜCKLICHEN HAND"

Aus dem Serbischen von Susanne Böhm-Milosavljevic

Den Prahlereien meines Vaters entsprechend und den Ermahnungen meiner errötenden Mutter zum Trotz, nach deren Meinung es die Grundregeln des Anstands erforderten, über so etwas nicht zu sprechen, notiere ich, daß ich genau am 28. Juni 1919 empfangen wurde, zu Ehren der Unterzeichnung des ruhmreichen Versailler Vertrags und des endgültigen Untergangs der Mittelmächte. „Volltreffer! Das soll unser bescheidener Beitrag zur Wiederherstellung des Weltfriedens sein…“ Mein Vater erinnerte sich gerne daran, dies damals, nach vollzogenem Akt, festgestellt zu haben, während er sich noch zufrieden im Ehebett räkelte und gedankenverloren Pläne für seinen Stammhalter schmiedete. [...]

Ich vermerke, daß sich meine Familie im März 1940, ungefähr zwei Jahrzehnte und neun Monate später, als ich mein zwanzigstes Lebensjahr vollendete, zum letzten Mal versammelte. Keiner der vier starrsinnigen Brüder, weder mein Vater noch die Onkel, verstand besonders viel von Politik, und es beschäftigte sich auch keiner von ihnen mit staatlichen oder öffentlichen Angelegenheiten, doch weder das noch der feierliche Anlaß des gemeinsamen Tafelns hinderte sie daran, sich mitten in der Mahlzeit heftig zu zerstreiten. Jeder von ihnen hatte, wie das bei uns so üblich ist, seine eigenen Ansichten; die Gegenwart nutzten sie in erster Linie, um über ihre Sicht auf die anderen Zeiten zu zanken, wobei es um die Vergangenheit, noch mehr aber um die Zukunft ging.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Sreten! Und überlege dir gut, wen du vom nächsten Jahr an wählen willst, wenn du das Wahlrecht erhältst!“ So lautete eine Art Trinkspruch, der gleichzeitig der letzte einmütig vertretene Satz war, auf den sich alle am Tisch einigen konnten, da sofort danach jeder begann, „seine“ Partei zu verteidigen und an den „Gegenparteien“ herumzumäkeln.

[...]

„Hört doch auf damit. Los, bedient euch noch ein wenig, für wen habe ich denn so viel zubereitet, es wird alles verderben…“ Meine Mutter bot an und beschwichtigte und ahnte doch, wo das alles enden könnte.
Aber es war längst zu spät. Vielleicht sogar schon lange vor diesem Mittagessen. Streit brach aus. Schon bald wurde es immer schwerer, zu verfolgen, wer wem was sagte. Die Suppe wurde kalt, die harten Worte ließen die feineren Glaswaren auf der Tafel stark erzittern, und es machte den Anschein, als werde das laute Gezänk das Zimmer zum Bersten bringen [...]. Als die Gäste gegangen waren, jeder auf jeden böse, jeder gekränkt, alle vier hatten sich gegenseitig geschworen, nie wieder einen Fuß ins Haus des anderen zu setzen, und als schließlich im großen und ganzen ein unwirkliches Schweigen herrschte, da stützte mein Vater die Ellbogen auf und seufzte schmerzlich:
„Hast du das gehört, ich bitte dich… Sie zielen heimtückisch genau auf mein Herz, auf meine Franzosen… Und wenn schon, sollen sie doch gehen… Ich hab´ mich noch gut zurückgehalten und sie nicht alle zusammen hinausgeworfen, damit dem Kind nicht die Feier verdorben wird… Was mich betrifft, eine Aussöhnung können sie gut und gerne vergessen…“
„Und was mich betrifft, so seid ihr alle, ihr Pokimicas, einer wie der andere, beschränkt… Wäret ihr zufällig fünfe, der fünfte würde sein Leben dafür lassen, zu beweisen, wie wichtig uns, und wir ihnen nicht weniger, sagen wir mal, die Etrusker sind, oder ein beliebiges anderes ausgestorbenes Volk […]“, erwiderte meine Mutter giftig, während sie den Tisch abräumte. „Es sieht so aus, als sei es am besten, Internationalist zu werden, aber auf eine besondere, partielle Art, wie unsere Familie es ja schon ist...“, fügte ich weise hinzu.
„Internationalisten?! Bolschewiken?! Kommunisten?! Was weißt du denn schon, du Rotzbengel?! Und geh mir aus den Augen, bevor ich dich dem nächsten Gendarmen melde! Das kommt vom Faulenzen bei der Buchhaltung, ab morgen gehst du auf den Trockenboden, um den Ruß für die schwarze Farbe durchzusieben...“, drohte mein Vater und erhob sich, um sich sofort danach müde wieder hinzusetzen.
So endete die letzte Zusammenkunft meiner Familie. Und so, ich notiere es gewissenhaft, brachte ich zum ersten Mal im März 1940, ein volles Jahr vor dem Erlangen des Wahlrechts, das Wort über die Lippen, um welches herum sich Tag um Tag, allmählich, mein ganzes Leben fügen sollte.

  PETRE M. ANDREEVSKI
  TOMICA BAJSIĆ
  ELVIS BOŠNJAK
  RUMENA BUŽAROVSKA
  ALEŠ ČAR
  PREDRAG ČUDIĆ
  BORIS DEŽULOVIĆ
  IVAN DODOVSKI
  ALEKSANDAR GATALICA
  BORIS GREINER
  IGOR ISAKOVSKI
  VELIMIR ĆURGUS KAZIMIR
  NAMIK KABIL
  VOJISLAV KARANOVIĆ
  MILAN KLEČ
  MAŠA KOLANOVIĆ
  MARINKO KOŠČEC
  ANTE KOVAČIĆ
  DUBRAVKO MIHANOVIĆ
  MIHAJLO PANTIĆ
  JURICA PAVIČIĆ
  GORAN PETROVIĆ
  MIOMIR PETROVIĆ
  ROBERTA RAZZI
  BEKIM SEJRANOVIĆ
  ISIDORA SEKULIĆ
  DAVOR SLAMNIG
  MARKO SOSIČ
  MILE STOJIĆ
  RUDI ŠELIGO
  ADRIANA ŠKUNCA
  ANTUN ŠOLJAN
  MILANA VUKOVIĆ RUNJIĆ
  ZORAN ZAFIROVSKI
HOME   I    IMPRESSUM    I   KONTAKT