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Aus dem Serbischen von Blanka Stipetić
Die Nachricht vom Tod eines außergewöhnlichen Mannes – und es ist unbestritten, dass mein Großvater, der Sohn des hochmütigen Evangelin Bomarov, eines Getreide- und Zementhändlers aus Sombor, eine außergewöhnliche Persönlichkeit war – berührte niemanden. Vielleicht hätte sie das, wäre die Nachricht von seinem Tod nur ein oder zwei Tage nach diesem Ereignis eingetroffen, einem Ereignis, in dem ein Mensch aufgehört hatte zu existieren, in dem seine Energie in eine andere Form übergegangen war. Vielleicht hätte sie dann jemanden berührt. Da sie aber erst zwei Jahre später, genauer 1945, im halb zerstörten Belgrad ankam, traf sie niemanden an, der den Verstorbenen anständig beweint hätte.
Die Nachricht reiste wie eine Billardkugel: Sie stieß sich von einer Kommission ab und rollte zur nächsten, von einem baufälligen Postamt zum anderen. Sie ging von der rauen Hand eines Kuriers, Briefträgers, Boten oder Herolds in die des nächsten, um mit letzter Kraft die Hauptstadt zu erreichen, wo seine Frau und sein einziger Sohn irgendwie den Krieg überlebt hatten. Die Nachricht streifte die Stadt eher, als dass sie ihr Ziel wirklich traf. Sie wurde angespült, doch keine Wange spürte die spitzen Tropfen dieser Welle, die sich soeben an der scharfen Steinküste der fortrinnenden Zeit gebrochen hatte. Seine Frau, Maria Bomarov, bekreuzigte sich nur und verfluchte ihn. Dann pustete sie in das Säckchen mit zerstoßenem Pfeffer, Seidelbast und einer Strähne Hundehaare, das sie von einer Zigeunerin aus dem Dorf Mozgovi bei Leskovac zum Schutz gegen Verwünschungen und zum Tausch gegen zwei goldene Napoleon-Münzen aus ihrer Aussteuer, erhalten hatte.
Danach änderte sie ihren und den Namen ihres Sohnes in Terzic, ihren Mädchennamen, und vergaß für immer den verrückten Pavle Bomarov.
Zwei Jahre zuvor hatte Pavle Bomarov mit letzter Kraft das Meer erreicht, geblendet von der Weiße, die Tage lang um ihn gewandert war, während er, wie es ihm schien, nicht von der Stelle wich. Wie er angenommen hatte, lag die Küste ganz in der Nähe seines improvisierten Iglus. In der Begegnung mit dem Meer, wiederholte er unablässig das Wort „Vestbjörsen“, ein Wort, das für ihn westliche Pforte bedeutete und für Tromsö stand. In den klingenden Poren dieses Wortes suchte er Schutz vor der schrecklichen Kälte, die ihn an der Gurgel gepackt hatte, und dem entfernten, im weißen Tod vielleicht nur geträumten, Schrei eines Polarkauzes. Eines Schreis der davon kündete, dass im Eis ein Leben erlosch.
Sieben Stunden saß er im Schnee, unbeweglich und festgefroren, in dem fremden, steifen Zweireiher mit grauen Nadelstreifen, von dem dünne Eiszapfen hingen. In den Anzugkragen war ein Etikett genäht. Einige Tage zuvor hatte er die Aufschrift laut ausgesprochen, in dem kleinen, kärglich eingerichteten Zimmer der Pension in Tromsö, Norwegens nördlichstem Walfanghafen. Darauf stand „Humbert und Gasen, Berlin“. Im Namen des deutschen Schneiders suchte er eine Verbindung zur in ihm nahezu verschütteten europäischen Zivilisation. Seinen Dreitagesbart bedeckte ein Dach aus Reif, wie der falsche Bart eines Schauspielers, der gleich die Bühne betreten wird um ein letztes Mal in seiner Karriere King Lear zu interpretieren. Es war sein persönlicher Schneeumhang. Er spürte die rechte Hand nicht mehr. Die einzigen möglichen Bewegungen, mit den Augenbrauen und Lidern, bereiteten ihm unerträglichen Schmerz, als trüge er einen Kranz aus gespanntem, glühendem Draht.
Nur zwanzig Minuten später - behauptete mein Vater, als wäre er dabei gewesen – erstarben Paul Bomarovs Lebensfunktionen. Irgendwo in Norwegen, nahe dem Polarkreis, die Position der „Westlichen Pforte“ hatte er korrekt bestimmt, hatte er den Wunsch nicht aber die Kraft, sich die andere, die östliche, die Pforte des Balkans ins Gedächtnis zu rufen. Die Pforte, in deren Vorgarten er geboren worden war. Statt den Schatten der Heimat, vernahm er kurz vor seinem Ende den Schrei eines Polarkauzes. Er hörte nicht mehr das Bellen der Schäferhunde der SS, die statt am Geschirr eines Schlittens an den Händen wohlgenährter Soldaten zerrten und im Schnee der Spur des geflohenen Serben folgten. Seine letzten Gedanken – behauptete mein Vater – galten sicher den aufgerissenen, Speichel triefenden Lefzen der Hunde.
In diesem Moment begriff Bomarov, welchen Fehler er begangen hatte.
(Petrović, Miomir: Lisičje ludilo. Laguna 2004)
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