VEREIN ÜBERSETZER AUTOREN AKTIVITÄTEN
BEKIM SEJRANOVIC
  • Geboren 1972 in Brcko
  • Lebte 1985 - 1992 in Rijeka
  • Studium der Kroatistik in Rijeka und Oslo
  • Lektor für Bosnisch, Kroatisch und Serbisch an der Universität in Oslo
  • Übersetzer vom Norwegischen ins Kroatische (Ingvar Ambjørnsen, Anthologie mit norwegischen Erzählungen
Publikationen

?

Linktipps
???
FASUNG DÜRFTIGE NOT

Aus dem Bosnischen von Brigitte Döbert

7.
Ich mache interessante Beobachtungen. Wir setzen uns. An den Tisch. Trinken Bier. Und Wein. Ich muss drei Mal so oft wie die andern. Die meisten sind zufrieden. Liegt es daran, dass sie nicht so oft müssen? Die müssen nicht so oft. Ich bin überzeugt, dass allen aufgefallen ist, dass ich alle fünf Minuten zum WC gehe. Ich sehe es ihnen an. Die müssten sich eigentlich wundern, wie schnell ich wieder da bin. Denn ich brauche nicht länger als zweiunddreißig Sekunden. Fürs Pissen. Ich bin der schnellste Pisser der Welt. Trotzdem sehe ich keinerlei Anzeichen, dass mich einer von denen am Tisch darum beneidet. Dafür gibt es definitiv keinerlei Anzeichen. Selbst bei größter Aufmerksamkeit lassen sich keine entdecken.

8.
Alle am Tisch kenne ich. Sehr gut. Ich kenne ihre Namen. Beinah auswendig. Trotzdem hilft es, wenn ich die Gesichter sehe. Oder wenigstens den ersten Buchstaben. Einige sind Männer. Einige von ihnen sind Frauen. Manche würden Mädels und Jungs sagen. Eigentlich würde ich das auch sagen. Manche würden vielleicht Kerle und Mädchen sagen. Ich glaube nicht, dass ich das so sagen würde. Wir sitzen und trinken. Ich mag die anderen nicht. Kann wirklich keinen von denen leiden. Und wir sind ziemlich viele. Ich kann zählen. Trotzdem trinke ich mit ihnen. Ich weiß nicht, ob die mich mögen. Aber ich trinke mit denen. Man muss sich nicht mögen, um miteinander zu trinken. Die Jungs und Mädels sind lauter Pärchen. Manchmal drücken sie einander die Hand. Ich sehe ihnen zu. Ich mag sie nicht. Meine Hand wird nicht gedrückt. Ich will auch nicht, dass meine Hand gedrückt wird. Ich würde ausflippen, wenn mir jemand die Hand drückt. Meine Hände sind nicht zart. Meine Hände sind klein. Knubbelig. Sie sind gut für traurige Fotos. Aber nur ohne Blitz. Wenn man ein paar traurige Fotos von meinen Händen machen wollte, dürfte man keinen Blitz verwenden.

9.
Ich sehe alle am Tisch. Manchmal schaue ich nach links. Aber meistens betrachte ich die Gesichter am Tisch. Bei den Mädchen schaue ich manchmal auf die Brüste. Es sind nicht viele mit großen Brüsten dabei. Manche Leute finden große Brüste schön. Ich finde sie auch schön. Große Brüste würde ich Möpse nennen, wenn sie schön sind. Und wenigstens ein bisschen ungleichmäßig. Titten würde ich sagen, wenn es Riesenbrüste sind. Schöne Riesenbrüste. Dann bekomme ich eine Erektion. Meine Fantasie arbeitet. Trotzdem will ich nicht, dass meine Hand gedrückt wird. Oder jemand Luft in meinen Mund pustet. Ich halte mich nicht für dumm. Auch nicht für überlegen. Ich muss schon wieder. Ich gehe auf schwankenden Beinen. Staksig. Mit Erektion pinkelt es sich schwer. Schmerzlich würde ich es nicht nennen.

10.
Das Mädchen am Tisch. Verlässt den Tisch. Geht zum Klo. Manche sagen Toilette. Ich sage WC. Ich weiß, glaube ich, was das heißt. Obwohl ich mir nicht ganz sicher bin. Ich kenne ihren Namen. Und kenne ihre Haarfarbe. Ich kann ihre Sprache. Ihre Brüste würde ich Möpse nennen. Auf keinen Fall sind es Titten. Ich pisse. Ohne Erektion. Das ist einfacher. Ihre Hände fassen mich von hinten an. Sie sind schmal und weiß. Die geben keine guten Fotos. Schon gar keine traurigen. Weder mit noch ohne Blitz. Das spielt überhaupt keine Rolle. Druck. Ich spüre Druck auf meinen Hoden. Manche sagen Eier. Ich sage das auch. Obwohl man dabei an andere Eier denken könnte. Die Eier kann man kaufen. In etlichen Läden. Meine Eier sind riesig. Echte Zeppeline. Voll und schwer. Man müsste sie wirklich mal wiegen. Sie drückt zu. Zu stark und zu plötzlich.

Ich pisse sie voll. Mich auch.

„Mmh“, stöhnte sie.

Ich wusste nicht warum. Obwohl ich es wirklich gerne gewusst hätte. Ich schwieg. Und grinste. Sie wusch sich die Hände. Und sah mich im Spiegel an. Wahrscheinlich hätte ich in dem Moment ihre Möpse berühren können. Wenn ich gewollt hätte. Sie sah mich im Spiegel an. Es gab keine Erektion. Nach dem Pissen muss man ein bisschen warten auf eine Erektion. Fraglich, ob Frauen das wissen.

11.
Ich beschloss, mich zur Tür durchzuschlagen. Ein Ausfall. Sie stand in der Tür. Ich kenne ihren Namen. Hätte gern ihre Möpse angefasst. Ging nicht. Die Angst war riesig. Die will meine Hand drücken. Da würde ich ausflippen. Das sagte ich bereits. Ich würde ausflippen. Keine Erektion. Und deswegen war ich entschlossen, das Klo zu verlassen. Das WC. Die will mir Luft in den Mund pusten. Stand an der Tür. Statt Nase einen Zinken im Gesicht. Ich dachte, ich bin größer als die. Musste mir eine Bresche schlagen. Sie packte meine Hand. Presste ihren Mund auf meinen Mund. Da habe ich die Gelegenheit genutzt. Ihre Nase ist noch spitzer als sie aussieht. Biss in den Zinken. Ihr Schrei weckte Aufmerksamkeit. Meine Flüche nicht. Ich fluchte für mich. Lächelte säuerlich, das kam psychosomatisch.

12.
Die Jungs und Mädels am Tisch. Hörten ihren Schrei. Verließen den Tisch. Rannten zum Klo. Zum WC. Sie schrie. Wie am Spieß. Ich immer noch damit beschäftigt, mich zur Tür durchzuschlagen. Ihre nichtfotogene Hand drückte meine, die fotogene. Ihre andere Hand drückte die Nase. Die man als Zinken bezeichnen könnte. Wenn man böse wäre. Ich bin böse. Das haben mir viele gesagt. Sogar die, die es gut mit mir meinen. Die Jungs und Mädels waren an der Tür. Ihre Augen fielen über uns her. Ihre Augen ließen sie dumm aussehen. Einer der Jungs aus der Schar ist ihr Freund. Ein Kerl ist der Kerl vom Zinken. Ich habs versucht. Einer der Jungs ist der Kerl vom Zinken. Der Kerl ist Zinkens Freund. Ich konnte mich überhaupt nicht konzentrieren. Angst kroch über meine Hoden. Strömte an der Peniswurzel vorbei und sammelte sich am After. Der Schließmuskel krampfte sich zusammen. Die Angst hatte mich überwältigt.

13.
Wenn mich die Angst überwältigt, bin ich unzurechnungsfähig. Viele Menschen sind unzurechnungsfähig, wenn sie die Angst überwältigt. Ich habe gehört, dass es bei Tieren ähnlich ist. Manchmal können kleine Tiere große Tiere besiegen, wenn die von der Angst überwältigt werden. Ich weiß nicht, ob man mich als kleines Tier bezeichnen kann. Zinkens Freund war größer. Ein Männchen. Ein beschissenes Männchen. Der um sein Weibchen kämpfte. Die Horde folgte ihm. Ich war der Außenseiter. Der ihm die Führung streitig machte. Und er war bereit, auf Leben und Tod sein Recht zu verteidigen. Das Weibchen hielt sich am Zinken fest. Man konnte ihr Wimmern hören. Sie war buchstäblich angepisst. Das war deutlich zu sehen. Wer es nicht sehen konnte, konnte es riechen. Das war ruchbar. Auch ihr Männchen musste es riechen. Der Widersacher hatte sein Weibchen markiert. Die Horde stand hinter ihm. Ich fluchte. Ich verfluchte Gott und das kam aus meinen Mund.

14.
Sie kamen auf mich zu. So riesig. Hässlich waren sie. Auf mich wirkten sie entsetzlich hässlich. Ich hatte Angst. Ich hatte schreckliche Angst vor ihnen. Vor den Kerlen und den Mädels, die am Tisch gesessen hatten. Die Horde, die mit den Augen die Luft zerschnitt. Vor mir. Die Luft haben sie vor mir zerschnitten. Kraken streckten sich nach mir aus. Irgendwo auf Höhe meiner Lunge. Sie legten die Kraken irgendwo in Höhe meiner Lunge ab. Ich hatte Angst um die Luft. Die für meine Lunge bestimmt war. Wenn ich Angst habe, greife ich zu meinem Schwert. Manche sagen Penis. Je nach Gelegenheit sage ich auch Penis. In diesem Fall scheint mir Schwert die bessere Wahl. Mir stand diesenfalls nichts anderes zur Verfügung. Ich zog es. Mein Schwert. Schärfe gehört nicht zu seinen Vorzügen. Es mangelt ihm auch nicht an Masse. Betrachtete sie voll Entsetzen. Ich wusste, dass sie die Größe meines Schwertes nicht schrecken würde. Ein Schwert ist keine Feuerwaffe. Erhitzen durch Reibungswärme ist möglich. Wie bei der Mehrzahl von Körpern im festen Aggregatzustand. Wie die Mehrzahl solcher Körper.

15.
Ich muss sehr oft. Wenn ich Bier trinke, muss ich öfter, als wenn ich kein Bier trinke. Wenn ich aufgeregt bin, muss sich öfter, als wenn ich nicht aufgeregt bin. Wenn ich Angst habe, muss ich öfter, als wenn ich keine Angst habe. Angst ist eine Form von Aufregung. Jetzt bin ich aufgeregt. Ich habe Angst. Ich bin immer aufgeregt. Wenn ich besonders aufgeregt bin, greife ich zum Schwert. Angst ist die höchstmögliche Aufregung. Das Schwert anfassen. Genau dann das Schwert anfassen. Das sind Neigungen. Das sind die Neigungen, die mich leiten. Bei Angst das Schwert anfassen. Ich springe auf die Schüssel. Manche sagen Topf. Ich sage manchmal Topf. Manchmal Schüssel. Keine Bezeichnung ist vollkommen eindeutig. Das kann man von keiner der beiden behaupten. Das ist offensichtlich. Ich richte das Schwert gegen die Horde. Die Jungs und Mädels. Die Angst sitzt mir im Nacken. Die Neugier kann sie nicht unterdrücken. Obwohl es sehr interessant wäre, wenn das geschähe. Wenn meine Neugier meine Angst unterdrücken könnte, könnte ich mich fragen, was das für ein Gesichtsausdruck ist, den die da machen. Das wäre eine interessante Frage. Es gelingt mir nicht. Noch immer halte ich sie für die Hässlichkeit. Was genau genommen nichts mit Ästhetik zu tun hat. Wenn man es recht bedenkt. Hässlichkeit hat nichts mit Ästhetik zu tun. Hässlichkeit ist Angst. Angst ist Aufregung. Aufregung ist Reiz. Da ließ ich es laufen. Urin. Manche sagen Harn. Kinder, die noch nicht richtig sprechen können, sagen Pipi. Ich verwende alle drei Wörter im Verhältnis 20:60:20. Je nach den Umständen. Vieles hängt von den Umständen ab.

16.
Gesehen habe ich sie. Sie alle habe ich gesehen. Vollgespritzt mit Urin. Obwohl ich jetzt gern Harn sagen würden. Harn. Ich kenne ihre Namen. Ihre Kraken spürte ich. Während ich fiel. Die Fliesen waren nicht nett. Sie empfingen mich kalt. Und abweisend. Die Kraken spürte ich. Stimmen kann ich nicht unterscheiden, nicht unter sechzehn Dezibel. Die Klangfarbe ist in diesem Fall nicht entscheidend. Nicht im mindesten. Und den Schmerz. Den Schmerz spürte dich. Aber wie etwas Fremdes. Etwas, das mich nicht aufregte. Etwas, das mich unendlich langweilte. Es gelang mir, zu Ende zu pinkeln. Während ich am Boden lag. Während sie mich traten. Ich pisste. Es ist nicht gut, den Strahl mittendrin einzuhalten. Das sagen die alten Leute. Sie kennen die Welt. Und werden bald sterben. Zu meiner versammelten Freude. Alle alten Leute sterben bald. Manche jungen Leute sterben auch bald. Zu meiner versammelten Freude. Manche würden Leidwesen sagen. Auch ich würde in diesem Fall Leidwesen sagen. Aber ich tue es nicht. Ich tue es nicht.

17.
Sie schlugen hart zu. Die Jungs und die Mädels. Die Jungs härter. Die Mädels kreischten. Zu hoch. Breite, lange Finger. An der Spitze waren Nägel. Gefeilt waren die. Und farbig. Sie spreizten die Finger und ruderten mit den Armen. Ihre Lippen vibrierten. Das könnte man in Hertz messen. Wär allerdings nicht ganz einfach. Die Schläge kamen ungleichmäßig. Die könnte man nicht in Hertz messen. Aufregend war es nicht mehr. Die Angst verließ mich. Sie glaubten. Dachten, Schmerz zufügen heißt Böses tun. Und sich selbst Gutes. Böses austeilen und Gutes einstecken. Und sie hielten sich für zufrieden. In manchen Büchern steht, das sei nicht möglich. Dem könnte ich zustimmen. Schmerz zufügen macht nicht zufrieden. Bedürfnis. Es ist ein natürliches Bedürfnis. Dasselbe wie Pissen. Genau dasselbe wie Pissen. Damit erreicht man nichts. Es ist Selbstzweck. Schmerz zufügen. Es hört auf, natürlich zu sein, wenn aus dem Bedürfnis Genuss wird. Der eine Tugend ist. Der Menschen über Tiere erhebt. Und näher zu Gott bringt. Gott ist ein Virtuose. Auf diversen Instrumenten. Obwohl ich schwören könnte, dass manche Leute steif und fest behaupten, er sei taub.

18.
Grinsen entstellte ihre Visagen, als sie das Klo verließen. Die Muster auf dem Boden habe ich noch nie verstanden. Er war voll Harn. Der Harn war getrübt. Von körpereigenen Leukozyten. Verfeuert im Kampf um meinen Körper. Ich begriff, dass ich niemanden habe. Außer ihnen. Den Leukozyten.

(Bekim Sejranovic, Usamljeni pišac. In: Fasung. Zagreb: Naklada MD 2002, S. 83-92 (Auszug S. 86-91))

>>> FASUNG - SCHNEESCHMELZEN

  PETRE M. ANDREEVSKI
  TOMICA BAJSIĆ
  ELVIS BOŠNJAK
  RUMENA BUŽAROVSKA
  ALEŠ ČAR
  PREDRAG ČUDIĆ
  BORIS DEŽULOVIĆ
  IVAN DODOVSKI
  ALEKSANDAR GATALICA
  BORIS GREINER
  IGOR ISAKOVSKI
  VELIMIR ĆURGUS KAZIMIR
  NAMIK KABIL
  VOJISLAV KARANOVIĆ
  MILAN KLEČ
  MAŠA KOLANOVIĆ
  MARINKO KOŠČEC
  ANTE KOVAČIĆ
  DUBRAVKO MIHANOVIĆ
  MIHAJLO PANTIĆ
  JURICA PAVIČIĆ
  GORAN PETROVIĆ
  MIOMIR PETROVIĆ
  ROBERTA RAZZI
  BEKIM SEJRANOVIĆ
  ISIDORA SEKULIĆ
  DAVOR SLAMNIG
  MARKO SOSIČ
  MILE STOJIĆ
  RUDI ŠELIGO
  ADRIANA ŠKUNCA
  ANTUN ŠOLJAN
  MILANA VUKOVIĆ RUNJIĆ
  ZORAN ZAFIROVSKI
HOME   I    IMPRESSUM    I   KONTAKT