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ISIDORA SEKULIĆ

1877-1958. Serbische Intellektuelle, Pädagogin, Europareisende, Essayistin, Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Übersetzerin aus dem Deutschen, Englischen, Norwegischen. 1926 Initiatorin und Mitbegründerin des „PEN-Clubs, Jugoslawische Gruppe“. Ihrem Andenken wurde ein Literaturpreis gestiftet, den die Belgrader Gemeinde „Savski venac“ jährlich am 8. Juni verleiht. Eine Werkausgabe in 15 Bänden erschien 2001 bei Stylos in Novi Sad.

AUS: BRIEFE AUS NORWEGEN

Aus dem Serbischen von Tatjana Petzer

Wenn man in die Ostsee sticht, auf einem Passagier- oder einem riesigen Dampfschiff, das eine ganze Eisenbahn befördert, und Deutschland in Richtung Dänemark hinter sich gelassen hat, fühlt man gleich: Hier liegt die Grenze zu den Ländern des Nordens, die in ihrer Vergangenheit und ihren Mythen gegen die Gewalt von Riesen und Meeresungeheuern gekämpft haben. Heute kämpfen sie gegen die Macht und Unbarmherzigkeit der Felsen, des Wassers und der Kälte an. Man fühlt, das es die Gegend ist, von der erzählt wird, hier sei aus der Berührung von heißer Luft und Eis Ymir, der Urahne der Eisriesen, und die Kuh Audhumla entstanden. Diese Kuh habe, um sich zu ernähren und auch Ymir aufzuziehen, die vereisten Felsen abgeleckt. Aus dem Körper Ymirs wiederum schufen die ersten aus dem Geschlecht der Asen die Welt mit Himmel und Erde. Man fühlt, dass man sich einem strengen Land näherte, in dem die mythischen Gottheiten nur nach Göttern des Sommers und des Winters unterschieden werden, wo sowohl die einen als auch die anderen den Weltuntergang fürchteten, der kommen würde, wenn der Wolf Fenrir Mond und Sonne verschlingt.
[...]
In den Versen des Engländers Shakespeare zählt Hamlet, Prinz von Dänemark, eine Reihe von Blumennamen auf. Der ganze protestantische Norden ist erfüllt von einer ungewöhnlichen, immerwährenden Liebe zu den Blumen. In England und in Skandinavien ist sie Teil und Inhalt des Lebens. In Norwegen gilt das auch für die sonnigen Fjorde und kargen Berge und Winde. In England gibt es mehr Blumen als in Frankreich. In Norwegen aber findet man allein auf dem Weg von Bergen nach Trondheim mehr erlesene und kultivierte Blumen als in ganz Italien!
Ist diese Liebe zur Natur ein Überbleibsel barbarischer Naivität im Skandinavier? Oder zeugt sie von christlicher Feinheit: dass die Blume zum schönen Bruder oder zur schönen Schwester dieser nicht gerade schönen Menschen werde? Ist es letztlich nicht eine Form stiller Philosophie und Poesie einsamer Menschen, in der Betrachtung der Blume Trost und Freude finden? Wer weiß das schon?
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In Norwegen spielt sich das Leben komplett auf dem Felsen ab. Im Felsen liegt seine Eigenart und all sein Unglück begründet. Und all seine Schönheit in den Wassern. In den Wäldern seine Phantasie. An der zerklüfteten und blühenden Westküste reihen sich ungewöhnlich schöne und unheimlich verschwiegene Fjorde mit ihren Tälern. Verstreut liegen kleine Dörfer, die vom regen und raschen Leben der Seemänner und vom bunten Getöse der Häfen erfüllt sind. Im Landesinneren erdrücken öde Schneefelder, die Fjells und Felsen das Land und seine Leute. Kaum Dörfer gibt es hier auf diesen schwimmenden Erdschichten und kegelförmigen Erhebungen, den zumeist glasglatten Bergen und Felsblöcken, die auf Schritt und Tritt aus der Erde hervorbrechen und die kaum einzuebnen sind.
[...]
Schön ist es hier, doch menschenleer. Nicht einmal Wege gibt es. Keiner kommt hier vorbei, und von hier aus kommt man auch nirgendwohin. Mit dem Frühling treibt man die Herden hierher. Eigentlich schifft man sie von See zu See. Sie sollen sich den Sommer über auf den Weiden mästen. Die Menschen aber kehren nach Hause zurück. Nur ab und zu schauen sie vorbei, ob auch alles friedlich zugeht. Nach Hause nehmen sie etwas Milch mit. Keiner entschließt sich, den Sommer hier zu verbringen – so einsam und weit weg vom Leben. Das schaut seltsam aus und gibt es wohl nirgends in der Welt. Vielleicht macht das Vieh die ganze Habe eines Menschen aus und doch bleibt es ohne Wächter und Herrn! Doch das norwegische Volk ist arm – angefangen vom König, für den das Storting, das norwegische Parlament, Jahr für Jahr die Zivilliste entsprechend der wirtschaftlichen Lage festlegt. Aus Armut stiehlt man hier nicht. Und dass sich das Vieh verirrt oder verloren geht, passiert auch nicht. Vor einem liegt das Wasser und dann das unendliche Meer, und im Rücken hat man den schrecklichen, mit Gletschern bedeckten Jotunheimen mit seinen Bergstürzen und Wasserfällen. Und schließlich haben selbst die Tiere Angst vor dem Winter. Sie wissen, nicht lange und die Wege sind ohne ihren Herrn nicht mehr passierbar. Auf den blühenden Wiesen erwartet sie dann nur noch Frost und Tod.
[...]
Überall fühlt man, dass zwischen zwei Freuden die Trauer kauert. Jedes Volkslied fängt mit den Worten an, die Sonne sei ein Dorf und die Schatten seien Sensen. Jede Melodie ist voller Traurigkeit, Angst und Finsternis. Jede Landschaft lässt Sturmwind und Lawinen vernehmen. Und in jedem Akkord erklingen die dunklen, kalten Wasser der tiefen Seen, in die niemals Licht dringt. Nirgendwo fühlt man so wie in der norwegischen Natur, dass in der rauen Kälte die Ewigkeit liegt.

(Isidora Sekulić Stremnicka, Pisma iz Norveške. Beograd: S. B. Cvijanović 1914)

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