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Aus dem Kroatischen von Dagmar Schruf
„Hoppla!“, entfuhr es auch Branko und Stanko, denn plötzlich entzündete sich die Flamme. Ein Duft von verbranntem, wohl gepflegtem Schnurrbart zog über die Wiese. Rasch füllte sich der Ballon. Der Brenner spuckte Feuer und schwarzen Rauch und wirkte wesentlich effizienter als die restlichen Teile der Konstruktion.
„Also?“, fragte Montgolfier und rieb sich die Oberlippe. Der Korb stand noch auf dem Boden, doch der Ballon wiegte sich schon im Wind.
„Wir können uns wirklich nicht dazu entschließen...“, sagte Stanko.
„Passen Sie auf, ich überrede Sie ein letztes Mal“, sagte Harry. Der Brenner brannte mit voller Kraft, die Seile spannten sich, um den Korb gen Himmel zu ziehen. „Denken Sie nur an die halbe Stunde Fußmarsch zurück zum Gasthof, bei immer stärkerem Regen, in immer düsterer Dunkelheit und durch den gleichen Matsch, durch den wir hierhergestapft sind!“
„Wo er Recht hat, hat er Recht“, sagte Stanko und kletterte in den Korb. Branko stand noch immer unentschlossen auf der Wiese.
„Was ist?“, fragte ihn Stanko, der es nicht gewohnt war, dass sich einer von ihnen anders verhielt als der andere.
„Wenn Gott gewollt hätte, dass der Mensch fliegt, hätte er ihm Flügel gegeben“, sagte Branko mit veränderter Stimme.
Die beiden im Korb sahen ihn erstaunt an. „Bist du denn noch nie mit einem Flugzeug geflogen?“, fragte Stanko.
„Nein. Und so weit ich weiß, du auch nicht.“
„Das ist doch aber eine Frage der Vermögensverhältnisse und nicht der religiösen Überzeugung“, antwortete Stanko.
Harry mischte sich ein. „Meine Herren, wenn Gott gewollt hätte, dass der Mensch nicht fliegt, hätte er sicherlich dafür gesorgt. Vermutlich hätten wir dann Wurzeln.“
„Und wie erklären Sie sich dann den Fall von Ikarus?“
„Menschliches Versagen“, erklärte Montgolfier. „Vergessen Sie nicht, dass der beherrschtere Dedalus erfolgreich ans Ziel geflogen ist.“
„Na los, Branko, steig ein, du siehst doch, der Mann weiß, was er tut“, sagte Stanko vorwurfsvoll.
„Wollen wir’s hoffen“, sagte Branko und kletterte in den Korb.
„Worte sind an sich harmlos“, sagte Harry mit gespielter Ruhe, „doch unüberlegt in gewissen Kombinationen geäußert, können sie unversehens ziemlichen Schaden anrichten, verehrter Branko! Mein Name lautet nicht ohne Grund Harry Montgolfier, vergessen Sie das nicht!“
Da krachte einer der Donnerschläge, die ohnehin schon die effektvolle Geräuschkulisse dieser Szene bildeten, und verlieh Harrys Worten einen hübschen Nachhall. Der Korb knarrte. Langsam schaukelnd schwebten die Reisenden empor.
4.
Die Flexibilität und Schnelligkeit, mit der sich der Mensch neuen Umständen anpasst, ist fantastisch. Wirf ein Kind ins Wasser – und es schwimmt. Und so waren auch unsere skeptischen, frisch gebackenen Flieger bald schon viel fröhlicher gestimmt.
„Ballons, Ballons, wie bunte Bonbons...“, erklang ihr Lied unter dem trüben Himmel. Ein Fläschchen Rum, das man im Lebensmittelvorrat gefunden hatte, machte die Gemütlichkeit komplett.
„Kommen wir gut voran, Käpt’n?“, fragte Branko, als das Lied verklungen war.
„Ganz prima, würde ich sagen. Ich schätze, dass unsere Flugrichtung ein, zwei Grad vom gewünschten Kurs abweicht, aber da kann man nichts machen. Die Elemente haben uns in der Hand“, sagte Montgolfier und umschrieb mit einer großen Geste Wolken, Regen und Wind. „Was hat der Ausguck zu berichten?“
„Bis auf weggeworfene Reifen und Küchenherde sind noch keinerlei Häuser, Straßen oder andere von Menschenhand geschaffenen Objekte auszumachen“, rapportierte Stanko, der das kleine Zeiß-Ikon Fernglas, das zum festen Inventar des Luftfahrzeugs gehörte, nicht mehr von den Augen nahm.
„Es besteht kein Grund zur Sorge“, behauptete Montgolfier. „Selbst wenn wir am Gasthaus vorbeifliegen, früher oder später werden wir auf irgendeinen Weg stoßen. Was macht die Antriebseinheit?“
Branko hatte als autogener Schweißer im Ruhestand gewissermaßen naturgemäß die Überwachung des Brenners übernommen. „Stabil bei mittlerer Kraft“, antwortete er kurz.
„Sehr gut“, sagte Harry. „Kennen Sie eigentlich diesen alten Schlager...“
„Mensch in Sicht! Mensch in Sicht!“, schrie Stanko.
„Mensch in Sicht?“, wiederholte Branko nachdenklich. „Nein, an den kann ich mich nicht erinnern.“
„Ich auch nicht“, sagte Harry.
„Ich spreche von einem Menschen, der dort unter uns ist. Mir scheint, er winkt uns zu“, sagte Stanko und zeigte nach unten.
„Geben Sie mir das Fernglas“, stöhnte Mongolfier verärgert auf und starrte damit in die Dunkelheit.
„Käpt’n, soll ich die Warmluftzufuhr drosseln?“, fragte Branko.
Nun hatten sie sich der Person unten auf dem Boden so weit genähert, dass sie hören konnten, was sie rief.
„Harry, du Schwein, wenn du nicht augenblicklich runterkommst und mich mitnimmst, wirst du mich nie wiedersehen. Und sollten wir uns doch irgendwann noch mal treffen, wirst du es bitter bereuen! Komm runter, du Drecksau!“
Montgolfier holte resigniert eine Zigarette hervor und zündete sie an. „Drosseln Sie, Branko“, sagte er.
Langsam sanken sie. „Entschuldigen Sie die möglicherweise indiskrete Frage, Herr Montgolfier“, sagte Stanko, „aber ich habe den Eindruck, dass die Person, die wir in Kürze erreichen, Sie irgendwoher kennt.“
Der Zigarettenrauch zerstreute sich im Wind. „Das ist Veronika. Meine Frau“, sagte Montgolfier.
(Aus: Davor Slamnig: Topli zrak, Sysprint Zagreb 2002)
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