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MARKO SOSIČ

Geboren 1958 in Triest, studierte Regie an der Akademie für Theater- und Filmkunst in Zagreb, führte an verschiedenen italienischen und slowenischen Theatern und für das Fernsehen Regie, schrieb mehrere Radiohörspiele, Fernsehspiele, Novellen, eine autobiografische Theaterchronik und bislang zwei Romane. 1991 – 1994 künstlerischer Leiter des Slowenischen Nationaltheaters in Nova Gorica, 1999 – 2003 und wieder seit 2005 künstlerischer Leiter des Ständigen Slowenischen Theaters in Triest.

Mai/4

Aus dem Slovenischen von Ann Catrin Apstein-Müller

Ich schiebe die Wolldecke zurück, die meinen Körper auf der Matratze mitten in der Garage bedeckt, und öffne die Augen. Ich sehe die Nonna und den Nonno auf der anderen Matratze. Sie liegen dem Oleander zugewandt, der noch keine Blüten hat und über ihren Köpfen hängt, sodass ich von ihnen nur die vom Laken bedeckten Schultern sehe, die sich nach oben bewegen, wenn sie im Schlaf einatmen, und nach unten, wenn sie ausatmen. Dann blinzle ich zum gläsernen Garagentor hin, über das die Nonna abgenutzte Bettlaken gehängt hat, damit uns die Sonne nicht zu früh weckt. Aber sie ist trotzdem da, die Sonne, die zwischen zwei Laken hindurch in meine Augen sickert, sodass ich die Umrisse der Pappeln draußen im Garten neben den sandigen Wegen sehe. Und ich stelle mir vor, das seien meine Bäume und Hortensienbeete, meine alte Villa, in der Fräulein Moore wohnt, die nachts über die Teppiche und Türrahmen stolpert, wenn sie ihr Schlafzimmer sucht, sagt die Nonna, und dann schickt der Nonno sie zur heiligen Mutter Gottes nochmal, denn er sagt, sie fantasiere, sie sehe Dinge, die nicht da sind, und sie sei krank im Kopf, wenn sie denke, dass Fräulein Moore gerne mal ein Gläschen trinkt. Ich blinzle durch den Spalt zwischen den Laken, durch den das Licht hereinkommt, und stelle mir vor, ich sei mindestens einen Meter siebzig groß und ginge über die Wege zwischen den Beeten und den Bäumen mit einem weißen Strohhut auf dem Kopf. Ein Chirurg. Ich stelle mir vor, Mama und Tante Sofija seien keine Dienstmädchen mehr, und auch Ivans Mama nicht, die Teppiche reinigt und ein großes Haus an der Hauptstraße in Ordnung hält, sodass die Scheiben an seinen Fenstern auch dann blitzen, wenn Wolken am Himmel sind. Und dass alle drei Baronessen geworden seien, wie die Herrschaft von Ivans Mama. Die Bilder leuchten, sodass ich sie immer besser sehe, sie leuchten wie die Sonne, die durch den Spalt zwischen den Laken auf den Kopf der Nonna scheint, auf die Bleikugel darin, und die Blättchen des Oleanders über ihrer Stirn streift.
Ich sehe das Gesicht der Nonna, die sich im Halbschlaf zu mir dreht. Groß und weich, mit heruntergelassenen Lidern über den Augen und mit grauen Strähnen ihres Haares. Ich stelle mir vor, dass sich die Bleikugel, ganz glänzend in ihrem Kopf, in diesem Augenblick bewegt.
Und ich sehe die Nonna in meinen Gedanken, wie sie nach dem kleinen Messer auf der Marmorplatte greift, die den Tisch in der Küche bedeckt, und die Schüssel nimmt, in die sie im Garten Radicchio schneiden wird. Ich sehe sie jetzt in meinen Gedanken, damals, als ich noch nicht auf der Welt war, als die Partisanen schon fort waren, die Amerikaner aber noch nicht. Ich sehe sie, wie sie die Schüssel und das Messerchen nimmt und durch die Tür tritt mit der Schürze über dem Rock, der weit und leicht wie ein Segel ist. Der Rock flattert im Frühlingswind, sodass es aussieht, als begebe sich eine Königin in einer Schürze die steinernen Stufen hinab. Groß und weich. Und während sie die Stufen hinuntersteigt mit der Schüssel und dem Messerchen in der Hand, sehe ich, dass sie für einen Augenblick an ihren Bruder denkt. Sie sagt oft, dann, wenn sie lange schweigt und aus dem Küchenfenster sieht: Weißgott, wie es Lojzi in Bosnien geht? Ich weiß nicht, was für ein Gesicht Lojzi hat, der in Bosnien ist. Die Nonna sagt, dass er im Bergwerk Kohle abbaut und einmal schon dort unten unter der Erde eingeschlossen war, sodass er beinahe gestorben ist. Die Nonna sagt, sie beide seien sich sehr ähnlich, sie und Lojzi.
Ich nehme sie in meine Gedanken auf, und auf einmal bemerke ich, wie sie sich verändert, wie sie mit einem Mal keinen Rock mit Schürze mehr trägt, sie hat ihre großen Brüste nicht mehr und nicht das dichte Haar mit den grauen Strähnen. Auf einmal ist sie anders. Mit einem Helm auf dem Kopf und einem Lämpchen, das sie anleuchtet. Und in ihrem Gesicht entdecke ich einen Schnurrbart, an ihrem Körper Hosen und schwarze schmutzige Schuhe an ihren schweren Beinen. Lojzi im Bergwerk.
Und dann sehe ich auf einmal wieder Augen, die ihre sind, und ich sehe keinen Helm mit Lämpchen mehr auf ihrem Kopf und schwere Schuhe an ihren Beinen. Ich sehe nicht mehr Lojzi in Bosnien, der ihr Bruder ist, ich sehe sie, ganz weich und weiß in der Morgensonne, wie jetzt, da ich sie in der Garage unter dem Oleander sehe, da sie noch schläft, und ich stelle mir vor, wie die Kugel in ihren Kopf hineinfliegen wird:
Ich sehe die Hand eines Soldaten und ein Gewehr darin, dann sehe ich seine zweite Hand, wie sie mit einem Tuch über das schwarze Rohr des Gewehrs gleitet, ich sehe sein Gesicht, das lacht, und wieder die andere Hand, den Finger, der den Abzug streift und Schuss! Ich sehe die Bleikugel, wie sie mit aller Geschwindigkeit durch das Rohr dem Licht draußen entgegensaust und dann fliegt, sie fliegt über das ganze Dorf dem Gesicht der Nonna entgegen. Die Nonna weiß noch nichts von ihr, damals. Sie weiß nicht, dass sie sich in ihre Wange bohren und ein Loch darin hinterlassen wird, das Mama und Tante Sofija immer mit Küssen füllen. Sie beugt sich zum Radicchio, um ihn zu schneiden, in ihrer Nähe sind ein blühender Kirschbaum und Oleander, der sich jeden Augenblick mit der roten Farbe seiner Blüten überschütten wird. Und sie fliegt, sie fliegt, die Kugel, und reist über das Dorf hinweg; unter ihr flieht die Landschaft dahin: die Strecke, auf der Papa die Trambahn fährt, das Haus mit den blitzenden Fenstern, in dem Ivan mit seiner Mutter und seinem Vater unten im Keller bei der Baronin lebt, das Geschäft mit den Spielsachen und den Schulheften, das Geschäft mit den Schuhen, die Mama auf Pump kauft, das Geschäft und die Wohnung obendrüber, in der Mama kocht, wäscht und bügelt, sodass immer alles sauber ist. Das Wirtshaus. Die Wohnung darüber, in der Tante Sofija aufräumt, kocht, wäscht und putzt, wenn sie gesund ist. Das Geschäft mit den Laken, die Bäckerei, die Trafik und der Mann mit dem breiten Strohhut, die Ambulanz, in der mir der Arzt meine Lungen ablichtet und sich den Schatten ansieht, der auf ihnen liegt. Die Kirche, der Friedhof, der Dorfanger und die Felsenkirsche, die in voller Blüte steht. All das flieht mit hoher Geschwindigkeit unter ihr dahin.
Die Nonna, die jetzt die Schüssel mit dem Radicchio gefüllt hat, richtet langsam ihren Körper auf. Ihr Blick wandert vom Radicchiobeet hinauf in den blühenden Kirschbaum. Sie wird sich noch ein wenig mehr aufrichten, mit der Schüssel voller Radicchio in den Händen. Und auf einmal fliegt die Kugel durch das Netz, das um die alte Villa und das Haus der Nonna gespannt ist. Sie fliegt am Föhrenhain vorbei, an der Silberfichte und am blühenden Kirschbaum und bohrt sich in ihre Wange. Jetzt! Ich sehe sie, wie sie sich in das Jochbein der Nonna gräbt, das gerötet ist von Sonne und Frühlingswind. Die Haut an ihrer Wange spreizt sich, die Wärme des Bleis brennt in ihrem Mund, in ihrer Kehle und verschwindet und noch weiß niemand, damals, dass sie an der Ader zu ihrem Herzen Halt gemacht hat. Ich sehe den Kopf der Nonna, wie er sich erst nach oben biegt, als sei sie überrascht, dass der Himmel an diesem Tag so blau ist, und dann nach unten zum Radicchiobeet, zusammen mit den Knien, die einknicken, sodass sie auf einmal auf dem Bauch liegen bleibt. Groß und weich, im Radicchio, auf den ein paar Tropfen Blut fallen. Und dann höre ich Nonnos Schrei aus der Küche, Mamas Weinen und Tante Sofijas Aufschrei, sie sind beide noch Mädchen. Ich sehe ihre Hände, die sie von der Erde aufheben, groß und weich, ich sehe das Gesicht der Nonna, ganz blutig, das in den Händen der anderen liegt wie ein großer Pfirsich. Aber sie atmet, sie atmet noch immer, die Nonna, damals. Ja, sie lebt noch. Wie jetzt, da ich sie wieder auf der Matratze sehe, mit heruntergelassenen Lidern, hier unten, in der Garage unter dem Oleander, und ich weiß, sie wird nicht sterben, weil ich sie von der Kugel in ihrem Kopf erlösen werde.

Marko Sosič, TITO, AMOR MIJO, Maribor 2005, Založba Litera

  PETRE M. ANDREEVSKI
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