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Übersetzt von Andrea Meyer-Fraatz
Notizen aus der Todesfuge Paul Celans
„wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng”
Zu Weihnachten 1994
in der offenen psychiatrischen Anstalt Steinhof in Wien
deren einer Flügel umgewandelt ist in ein Flüchtlingslager
verteilt eine Mitarbeiterin der österreichischen Caritas
an bosnische Kinder die ihre Eltern im Krieg verloren haben
Mozartkugeln
Jedes Kind erhält eine Kugel und hält sie sorgsam in der Hand
“Ich werde diese Kugel nicht essen”, sagt ein Mädchen dem Verfasser dieser Notiz
“ich werde sie aufbewahren für meinen Papa, wenn ich nach Grbavica zurückkehre”
Auf meine Frage wie sie heiße antwortet sie ihr Name sei Anela
Anela sage ich wir werden zusammen zurückkehren
“Erst müssen wir die Tschetniks schlagen”, sagt sie und klatscht in die Hände
Frohe Weihnachten, Anela! sage ich nur um das Gespräch fortzusetzen
“Ich feiere keine
Weihnachten”, sagt sie
“Ich glaube an Allah, den Erhabenen”
Ich wollte ihr die Worte der Überlieferung erklären dass Gott heute abend kommen werde,
um die Welt zu erneuern
aber ich verzichtete darauf
Es ist egal Anela dachte ich
Meine ganze Erklärung und mein ganzer Glaube
Hätten den Eindruck leerer Demagogie hervorgerufen
bei diesem Geschöpf das mich betrachtet mit den klaren neugierigen Augen eines Engels
die Mozartkugel in der Hand haltend wie eine Zauberkugel
bestimmt für den einzigen wahren Gott in der Ferne
der nicht kommen wird
Libretto für Flöte und Maschinengewehr
Jeden Tag
spielt der Cellist Vedran Smajlović aus Sarajevo
auf der Brandstätte der National- und Universitätsbibliothek
ein Adagio von Albion
Um seinen Geigenbogen
versammeln sich die Geister der verbrannten Bücher
wie Schmetterlinge um eine Kerze:
Die erschrockenen Augen Kafkas
die hungrige Seele Baudelaires
Voltaire mit einem Sandsack auf dem Rücken
Cechovs versengter Ziegenbart
Thomas Mann mit Symptomen
aufkommender cholerischer Anfälle
Dostoevskij wirft Bomben von Trebević aus
*
Gott zeigt sich uns niemals
aus dem brennenden Dornbusch
*
Ihr junge Dichter
die ihr starke Worte wie “Tod”, “Blut”, “Heimat” liebt
begreift
dass die Poesie die Völker nicht gut macht
und die Herrscher nicht vernünftig
Das Tuch der Veronika
wird im dritten Akt zum Handtuch von Pontius Pilatus
und am Ende der Vorstellung
zum zerrissenen Lumpen der an einem Baum flattert
als einziges Zeichen menschlicher Niederlage
All jene die häufig sagen “mein Volk”
bleiben meistens anonym oder sind Feiglinge
Geht lieber in die Bordelle
Schaut wie großartih das Karussel der Freude sich dreht
im Schwung der Musik des Geldes und des Keuchens
*
Ein jeder hat seine Aufgabe:
Die Väter träumen
die Söhne fallen
die Mütter klagen
Die Schwestern schreiben Briefe
und schicken sie an Adressen
die nicht mehr existieren
*
Breite Bouklevards Klänge der Kithara
grüne Alleen Bars mit roten Lichtern
Cordoba als Gemeinplatz der Utopie
die europäische Postmoderne Joseph Beuys stellt am Beaubourg aus
und Goran Kovačić auf dem Tjentište
Maxim Gorki schreibt Flugblätter einer neuen Komintern
Paul Claudel führt eine Prozession der katholischen Kirche an
Friedrich Hölderlin ist alles egal
in seinem Tübinger Turm
*
Der Zynismus zieht seine Wurzel aus dem lateinischen Wort canis
was Hund heißt
Im österreichischen Parlament
kämpften drei Burgenländer Kroatinnene Vertreterinnen der Grünen
im Sommer 1993
für die Rechte des Hundes
Die Pappel
In der Mitte des Friedhofs von Koševo
steht eine verbrannte und vertrocknete Pappel
Dem guten Kenner der Verhältnisse in Sarajevo
kann sie als Sonnenuhr dienen
Der Schatten der Pappel fällt morgens
auf verwahrloste orthodoxe Kreuze
Wenn er auf das kleinste namenlose fällt
heißt das es ist neun Uhr
(die Zeit wenn die Seelen getöteter Heiduckenerwachen
um die Beute zu teilen und an Gottes Tisch Platz zu nehmen)
Am Mittag
bedeckt der Schatten einen marmornen Grabstein freidlich
und geheimnisvoll wie der Säbel Sulejmans
Auf ihm vermischen sich römische und arabische Ziffern
auf ihm versammeln sich traurige Bienen
junge Ehefrauen welche die Heiducken begattet
und erhängt haben
Am Abend
hält ein kleiner Schatten an auf der Kapelle
der Franziskaner der kleinen Brüder
die jahrhundertelang ihre Gebetbücher schmelzen
in denen das Stampfen der Hufe widerhallt der Kämpfe
des alten Königreichs
All dieses konnte der Vorbeigehende sehen
an sonnigen Tagen
In Zeiten des Regens
ähnelte der Stamm der Pappel eher einem Blitzableiter
oder einer Antenne die in ferne Galxien
Botschaften der Furcht und des Leidens schickt
Von diesem allerfernsten Ort auf der Erde
Die Dachrinnenflöte
Im billig gemieteten Zimmer
oder am Fenster eines Cafés
hörst du die trübsinnige Dachrinnenflöte
Der Regen lässt sich langsam herab wie die Jahre
Du sortierst Erinnerungen oder unbezahlte
Rechnungen. Jede Rechnung sagt
dass du überhaupt nicht lebst. Du lebst eine
Art verlängerten Todes. Du schwebst zwischen
Atmung und Demütigung
Alle deine Nerven zittern
durch die Dachrinnenflöte. Locken goldenen Haares
weibliche Gliedmaßen die sich wie Honig ergießen
durch unbekannte Nächte und schwere Weine
Der Glanz der einen Augen die eben jetzt hervorschauen
aus der Erinnerung
Draußen verabreden Geschäftsleute Termine
draußen reden Frauen über das neue Parfum von Chanel
Draußen träumen Politiker von Kriegen
und eine junge Nonne von den Falten an Christi Taille
Draußen regnet es und die Dachrinnenflöte summt
und du weißt nicht wohin die Jahre verschwunden sind
Der Kamm hat Seide angesammelt die Sirenen des Alkohols rufen
Ein schweres Wort ist steckengeblieben zwischen Zunge und Gaumen
Ein Hund kommt hinter einer Ecke hervor laässt Wasser am Baumstamm
und verschwindet am bläulichen Horizont
Gitarre mit Stacheldrahtsaiten
Für Elisabeth Krenn
Unsere Gedichte ertragen keine großen Worte mehr
unsere Sprache wird immer mehr zum unverständlichen Gemurmel
Luciano Pavarotti dem man die Zunge abgeschnitten hat
spukt jetzt umher mit einem Röcheln in welchem keine Spur mehr
des göttlichen Gesangs ist
Unsere Träume werden reine Bilder fast
durchsichtig. In ihnen gibt es keine Bewegung
Nur die Weiße von Alpengletschern
wo die geringste Bewegung eine tödliche Lawine
hervorrufen könnte
Ein solcher Traum: Meine Schwester ist im Lager und
spielt auf einer Gitarre mit Stacheldrahtsaiten
Das Blut sickert von ihren Fingerkuppen und fällt
auf das T-Shirt und die Jeans aber
ihr Gesicht lacht
Sie spielt eine Melodie die wir oft gesungen haben
ich sehe genau die Griffe: D, A, G7
aner ich kann ihr nicht folgen. Ich schaue nur
wie sich die Gitarre mit Blut füllt und wie ihre silbrige Stimme
widerhallt widerhallt
Enträtselung
Für Ivo Komšić
Die Passanten aus dem Theatercafé heraus beobachtend
(Damen und Bettler Bauern und kurzatmige Akademiker)
denke ich an jene die ihre Stimme im Dunkeln verborgen haben
glaubend sie hätten so das Antlitz der Geschichte gerettet
Ich denke an einen Abend in Sarajevo
als wir Schnaps tranken und mit Wehmut in der Stimme das Wort
Heimat aussprachen das Dunkel ahnend. An den Fensterscheiben
trommelten die Stimmen der Unterwelt ergossen
sich herbe Akkorde des Bluts der Sinnlosigkeit und des Leidens
Sonnenschirme leuchten vor den Großstadtcafés
aus der Erde sprudeln Säfte seidene Tücher halten das Haar der Ariadne
und wir suchen weiter nach der Enträtselung des Tötens
Wie konnten wir wissen dass der Nächste bald
die feuchten bosnischen Wiesen besiedeln wird
In den schwarzen Kaffeesatz blickend in die Hände die sich über den Tisch bewegen
denken wir jetzt daran wie wir die eigene Seele retten die durchnässt
am Rande eines endlosen Ozeans steht. Nein es gibt keine Begrenzung
für diesen trüben Horizont der die Tiere und Bäume in Bedrängnis bringt
und nicht einen Vogel fliegen lässt
Es ist schwer dies zu sagen. Jetzt gibt es nichts mehr
außer Blut das sich verschwenderisch ergießt die Erde vergoldend
Es ist schwer dies zu sagen
Wir waren nichts weil wir uns an niemanden wandten
Komm zu uns aus der Hölle
Tonko Stojić meinem fernen Vorfahren
hat die Frau an einem Tag vier Söhne geboren
Vor Angst sie könnten sterben rief der Urgroßvater sofort den Priester
der ihnen die Namen Matthäus Markus Lukas und Johannes gab
Das war am Anfang des Jahrhunderts
aber Geschichte wird immer am Rande geschrieben
Matthäus starb noch als Kind an Schwindsucht
für den guten Zaren Franjo
Markus hat zehn Kinder gezeugt
(Eines von ihnen war mein Onkel Mile
der an Leberzirrhose und Melancholie
im Jahre 1955 dem Jahr meiner Geburt starb)
Johannes ist in Amerika als Emigrant verschieden
und hinterließ zwei Frauen und sechs Kinder
von denen keines auch nur sechs kroatische Wörter kennt
Lukas wurde 1945 als Ustaša erschossen
von der Volksbefreiungsarmee
Mein Vater hat die Hälfte seines Vermögens ausgegeben um zu erfahren
wo sein Grab ist
Drei meiner Großväter dachte ich als Kind sind im Paradies
nur Lukas kam in die Hölle
Heute wenn ich sehe wie unser Land von Fremden verwüstet wird
schicke ich meinen ganzen Stammbaum zum Teufel.
Und kaum dass ich unter schweren Qualen einschlafe
weckt mich das Knarren von Harons Kahn
Mein Großvater Luka kommt mit seiner unbesiegbaren Kompanie.
Seine mörderischen Säbel schlagen erneut
die Köpfe feindlicher Krieger und Panzer ab
Mit den Füßen stampfend diese Wortdraisine
die nach allen Seiten sprüht
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