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Aus dem Kroatischen von Patricia Fridrich
I.
Einmal träumte sie, dass Hasen ihr Zimmer belagern. Auf dem Bett, im Sessel,
im Wäschekorb: überall waren Hasen. Sie öffnete die Tür zum Badezimmer, und ein Hase sprang ihr entgegen.
Da wachte sie auf. Der Traum hatte wohl mit ihrer Reise zu tun, aber obwohl sie ja fliegen würde, hatte sie
nicht von einem Flugzeug voller Hasen geträumt. Dafür hätte der Traum schon länger sein müssen, ihre Träume
jedoch waren komprimiert, so als würden sie einer Flasche entweichen. Vielleicht, weil sie so spät aufwachte.
Sie hatte für ihr Leben entschieden, nachts wach zu sein und tagsüber zu schlafen - oder vielleicht hatte auch
das Leben für sie entschieden, denn sie selbst konnte eigentlich wenig anfangen mit der Nacht, mit Mondschein,
Seen, Booten und einsamen Wäldchen. Wenn sie vor dem Morgengrauen schlafen ging, wurde sie durstig, wälzte sich im Bett
herum, machte immer wieder die Nachttischlampe an und sah auf die Uhr. Von dem Licht wurden Eulen angelockt, eine ausgewachsene und ein paar Jungvögel. Sie haben sich in ihrem Garten niedergelassen und von den hohen Ästen der Platanen gerufen. Schreiben war unter all diesen Umständen das Einzige, womit sie sich beschäftigen konnte. Und Gott sei Dank verdiente sie damit auch Geld. (Vielleicht hätte sie ja noch in einem Vergnügungspark für Vampire arbeiten können, wenn es so etwas denn geben würde.) Im Grunde jedoch konnte sie sich keine bessere Arbeit vorstellen. Es war so, als würde sie in eine fremde Haut schlüpfen, sich darin verstecken und auf eine bessere Gelegenheit warten. Eine Zeitlang hatte sie als Mädchen für alles in einem Warenlager gejobbt, dann aber ging es mit dem Schreiben bergauf und sie übernahm Auftragsarbeiten: Fortsetzungsgeschichten für die eine Frauenzeitschrift und Liebesromane für die andere, weniger anspruchsvolle Frauenzeitschrift. In der Zwischenzeit versuchte sie, ihren Abschluss in Philosophie und Literaturwissenschaft zu machen, doch dies erwies sich als ziemlich harter Brocken, denn für jede Prüfung mussten an die vierzig Bücher gelesen werden, und in jedem dieser Bücher (egal, ob es ein philosophisches oder ein literaturtheoretisches Buch war) wurde eine existentielle Problematik behandelt, wurde über Sinn und Unsinn reflektiert, und sie verfiel doch so leicht in Depressionen. Schopenhauer, Kant und Fichte, die behaupteten, die Welt existiere nur in unserer Vorstellung, waren ihr zuwider. Denn wenn sie schon beim Schreiben von ihrer Vorstellungskraft Gebrauch machte, so war es ihr doch wichtig, dass wenigstens ihre Wirklichkeit wirklich wirklich war. Nichts jedoch erschien ihr weniger wirklich als sie selbst. Sie wusste, dass die Kluft zwischen ihr und dem, was ihr wirklich erschien, aufgrund ihrer Schlafgewohnheiten bestand: während die Menschen der Wirklichkeit arbeiteten, lag sie in den Federn. Während die Menschen der Wirklichkeit schliefen, wuselte sie durch das Haus, aß Sandwichs und trank Softdrinks. In ihrem Leben gab es nächtliche Knabbereien en masse, aber kein einziges Frühstück. Trotzdem, dick war sie nicht. Als wir uns kennen lernten, hatte sie nur ein kleines Doppelkinn, von dem sie behauptete, es sei angeboren. Sie hatte auch ein Bäuchlein, das aber ziemlich straff und gebräunt war. Schnell wurde sie mir eine liebe und treue Freundin, mit der man allerdings nicht vor drei Uhr nachmittags telefonieren konnte. Sie ernannte mich zu ihrer Gesellschafterin und bat mich, für sie die Dinge zu erledigen, für die man tagsüber leben musste. Wieso sollte ich nicht ab und zu eine Rechnung für sie bezahlen gehen, dachte ich. Immerhin empfing sie mich dafür abends mit Kuchen und erkundigte sich nach meiner Arbeit und dem Liebeschaos, in dem ich mich damals befand. Und sie beleuchtete dieses Chaos nicht nur aus einem anderen Blickwinkel, sondern stellte es mir auch dar als ein Schneckenhaus, aus dem man einfach so hinaus gleiten konnte. Wieso sollte ich also nicht morgens für sie ein Telefonat erledigen, wenn die Person am anderen Ende der Leitung doch sowieso nicht ihre Stimme kannte? Und wieso sollte ich nicht für sie in irgendeine Sendung gehen, in der Journalisten über ihre Arbeit diskutierten, wenn doch sowieso niemand genau wusste, wie sie aussah? Dort, wo mein eigenes Leben mich irritierte, tröstete und ermutigte mich das ihre: es war großartig, morgens aufzustehen und an einen langweiligen Schalter zu gehen, wenn man sie war, und nicht ich. Es war großartig, das Flugticket nach Chile für sie abzuholen und sie dann zu fragen, ob sie beim Kofferpacken Hilfe brauchte – was sie dann übrigens aus Angst, ich könnte einen Blick in ihren Schrank werfen, ohnehin ablehnte. Ihr Schrank war, wie sie selbst sagte, ein Chaos, in dem schmutzige Höschen sich neben Blusen tummelten, die aussahen, als hätte jemand Ziehharmonika mit ihnen gespielt. Auch ihr Bett war ein Chaos, und selbst das Badezimmer – wenn ich mir bei ihr mal die Hände waschen wollte, konnte ich sie damit in eine ziemlich peinliche Situation bringen. Ich war vielleicht ein- oder zweimal in ihrem Badezimmer, und außer einem kleinen vergilbten Waschbecken und einer nicht gerade sauberen Badewanne habe ich nicht wirklich etwas von einem Chaos mitbekommen, zumindest nicht auf den ersten Blick, aber als ich mich umgedrehte, um nach dem Handtuch zu greifen, entdeckte ich ein Regal mit alten Shampooflaschen, abgestandenen Schaumbädern und Stöpseln, an denen Haare klebten. Sie gab mir gegenüber auch zu, nie großartig aufzuräumen, denn sie konnte sich von nichts trennen: weder von Kino- oder Konzertkarten noch von Ausstellungsprospekten, nicht abgeschickten Ansichtskarten, abgelaufenen Terminkalendern, Streichholzschachteln oder Büchern, für die es im Regal keinen Platz gab. Jeder Intellektuelle hat tausend ungelesene Bücher, zitierte sie ihrer Schriftstellern, dessen Namen ich vergessen habe. Packen war übrigens die reinste Plage für sie, denn musste man dabei aus einem Durcheinander an Ärmeln und Knöpfen ein paar zusammenhängende Kleidungsstücke heraussuchen, einige von ihnen sogar noch waschen und sie in den Koffer stopfen. Soweit ich weiß, war sie bis zu diesem Zeitpunkt nie richtig verreist, was zum Teil an ihren Schlafgewohnheiten lag, aber im Grunde mit dem Packen zu tun hatte. Nach Triest, Venedig oder Wien schaffte sie es gerade noch für einen Tag, in Begleitung eines erwartungsvollen Freundes, der bestimmt verliebt in sie war, denn er bezeichnete eine solche Anstrengung als Ausflug, knipste sie vor dem Canale Grande oder dem Café Florian und fuhr sie vor dem Morgengrauen zurück; vor zwei Uhr nachmittags hatte die Reise ja schließlich nicht beginnen können. Einmal, als wir uns noch nicht kannten, überredete sie ihn, für einen Tag nach Ägypten oder Malta zu fliegen, leere Koffer mitzunehmen und sich wie richtige Touristen zu benehmen. Er erkundigte sich sogar, ob es von Wien oder von Budapest aus Tagesreisen nach Kairo gab, aber jedes Mal musste man mindestens drei Tage Aufenthalt buchen, und das wollte sie nicht. Nicht nur, dass sie, wie sie mir anvertraute, Angst vor der Reise hatte, sie hatte auch Angst, die Nacht neben diesem Freund zu verbringen, denn er würde ja sicher einschlafen, und was wäre dann mit ihr? Du wärst wach, wie wenn du alleine bist, sagte ich ihr. Ja, aber das ist nicht dasselbe, sagte sie, mir wäre noch elender dabei zumute, jemanden neben mir schlafen zu sehen. Bei mir dachte ich, sie könnten ja getrennte Zimmer nehmen, aber so pragmatisch war M. nicht. Zudem plante sie wohl, diesen Freund irgendwie zu verführen. An so etwas dachte sie ständig. Wenn sie nicht vom Schlafen sprach, philosophierte sie über die Männer, und zwar ein wenig abstrakt und essayistisch, so als würde sie in Gedanken an einem Buch über die Männer arbeiten, das sie sich nicht zu schreiben getraute. Sie nahm eine Pose ein, als wüsste sie über alles Bescheid, dabei habe ich sie nie mit einem Typen gesehen. Ich möchte nicht behaupten, dass sie keine Affären hatte, dass sie sich nie auf einer Geburtstagsparty einen antrank und dann mit jemandem im Wald oder hinterm Gebüsch verschwand, aber langen Beziehungen ging sie aus dem Weg. Ich kann nicht treu sein, sagte sie so ernsthaft, als ginge es um eine schwere Krankheit. Ich kann niemals und niemandem treu sein. In diesem Sommer war sie vierundzwanzig geworden; sie wohnte unterm Dach in einem alten Haus in der Bosanska. Das Haus war in einem genauso schlechten Zustand wie ihre Wohnung – es sah aus wie ein großer Schrank. Ich wäre nicht erstaunt gewesen, in dem alten Garten, der das Haus umgab, ein Einhorn weiden zu sehen. M. hatte an ihrem Spiegel eine Fotografie von einem Einhorn befestigt, eine Fotomontage natürlich. Das Einhorn betrachtete uns von der Seite, mit einem großen, feuchten, braunen Auge. Ich warte jeden Tag auf das Einhorn, sagte M., damit es mich von hier wegbringt. Romantisch, aber kitschig. Das hätte ich ihr, wie es sich für eine echte gute Freundin gehört, natürlich nie gesagt. Ich wusste, dass auch sie die Illusion der Flucht brauchte, denn es ist ja nicht leicht zuzugeben, dass einem dieses ideale einsame Leben über den Kopf wächst. M. lebte jenseits von Raum und Zeit. Sie kam eine halbe Stunde zu spät ins Kino, vergaß Verabredungen, weil sie mal wieder eine Erzählung im Kopf hatte. Sie ließ mich im Regen warten. Wenn ihr mich fragt, war sie verzogen, dachte tagaus tagein nur an sich, an sich, an sich. Aber wie komme ich dazu, sie zu kritisieren? Ich habe sie ja auch nie wegen ihrer schlechten Schlafgewohnheiten oder wegen ihrer Unordnung kritisiert - das alles war für mich ja schon Bestandteil ihrer selbst, so wie die Farbe ihrer Stimme oder ihre Angewohnheit, sich während des Schreibens am Kinn zu kratzen – und ich habe sie auch nicht kritisiert, als sie sich im Kino mit ihrem dunklen, nassen Regencape durch die Reihe zwängte. Sie war für mich wie ein Streichholz. Wenn sie mir auf die Nerven ging, stellte ich mir vor, ich würde sie in den Schnee werfen oder ihren kleinen Kopf unter Wasser halten. Und vor der Reise, als ich mal wieder den Hass auf sie hatte, dachte ich: Warte nur, bald bist du Chile…
Aus: Milana Vuković Runjić: Priča o M. (Die Geschichte von M), Verlag Vuković&Runjić, Zagreb 2004
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