|
Igor Isakovski: Schwimmen im Staub
Vielleicht sollte man sich merken, dass das Leben aus kleinen Bemühungen besteht, aus einem Schritt nach dem anderen. Im Herausputzen von Details. In der Anerkennung von Misserfolgen, im Genießen des Erreichten. Um das Leben schöner zu machen. Um unsere Nächsten zu befriedigen und an ihrer Freude teilzuhaben. Sonst könnten wir uns leicht in Kriechtiere verwandeln, die ihre Eier zum einsamen Schlüpfen ablaichen, die sich ohne besondere Veranlassung häuten – nicht aus Gewohnheit, sondern aus dem Wunsch heraus, sich anzupassen, mimikryartig.
Wir müssen ehrlich zu uns selbst sein. Freilich nagen in uns Fragen, die unsere alltägliche, gewohnte Ordnung stören. Aber wenn wir sie tief genug in uns eindringen lassen, werden sie etwas herausnagen; einen nach dem anderen werden sie die tief vergrabenen Misserfolge zu Tage fördern, die kleinen und die großen, und danach bleibt uns nur, mit ihnen fertig zu werden, sie genüsslich zu zerkauen, die abgestandenen Gifte auszuspucken und erleichtert durchzuatmen.
>>>
Petre M. Andreevski: Die Quecke
Ich heiratete während der Sauerkirschernte, als das Heu eingebracht wurde. Tole, der Töpfer
aus Vraneštica, war im Dorf und verkaufte kleine Gefäße zum Verschenken. Für die toten Seelen
zu Pfingsten. Er gab sie auch gegen Bohnen, Korn, Strümpfe und Wickelgamaschen oder gegerbte
Schafsfelle, je nachdem wer was hatte. >>>
Rumena Bužarovska: Der Spielplatz
Bistra und ich wohnten im selben Aufgang, Moni in dem gegenüber. Der Laden befand sich etwas weiter unten, nahe dem Spielplatz. Ich bat Moni, mir zuerst auf dem Weg zum Laden Gesellschaft zu leisten; danach würden wir auf dem Weg zum Spielplatz Bistra abholen.
“Hallo?!”, empörte sich Moni. “Wer muss hier denn eigentlich zum Laden? Geh doch selber. Ich gehe zu Bistra.”
Ich wollte mit zu Bistra, zur gleichen Zeit, weil ich zuerst den Spielplatz gesehen hatte. Ich wollte die Kinder warnen, dass die Brücke jetzt rot war und man nicht auf ihr klettern dürfte. Sonst würde sich Moni als Tonangeberin hinstellen und allen erzählen, sie wäre da gewesen. Sehr oft log sie auf diese Art und Weise, erfand etwas oder sagte Dinge, die sie von anderen hatte und so tat, als wären das ihre eigenen Ideen.
Also folgte ich Moni zum Gebäude, in dem Bistra und ich wohnten. >>>
Ivan Dodovski: Aufräumen
Ich schaue durch das graue Glas, und mein Blick kommt nicht mehr zur Ruhe. Draußen lärmt die Straße.
Tag und Nacht rauscht auf der Rooseveltstraße die Zeit vorbei, und ich habe keinen Anteil an ihr. Ich
bleibe zu Hause eingeschlossen, bin vor mir selbst geflüchtet, verstört. Jetzt meldet sich auch meine
Migräne wieder. Es schlägt zehn Uhr. Draußen reger Samstagsverkehr, in mir Regungslosigkeit. Bis um
neun lag ich im Bett, dann stand ich auf und kochte Kaffee. Mit der Tasse kehrte ich unter die Bettdecke
zurück und starrte irgendwo hin, nirgendwo hin, ins Nichts. >>>
Zoran Zafirovski: Stella Maris
Stella habe ich auf einem Gig im Stadtpark von Skopje kennen gelernt – dem ersten und letzten Auftritt
meiner Oberschulenband in der Stadt. Ich sitze, an eine Weide gelehnt, und kaue an einem Butterbrot, als
wäre es mein letztes. Adrenalin pocht noch immer in meinem Kopf. Auf der Bühne spielen jetzt ein paar
kleine Punker aus Skopje. Sie sind OK (bis auf die Sprüche des Sängers an das Publikum so nach der Art
Jetzt werden wir euch ficken damit ihr mehr werdet). Um mich herum ist es dunkel. Auf etwa zehn Meter
Entfernung bemerke ich eine weibliche Gestalt. >>>
|